Kathrin Röggla – Berlin

Eine Stadt aus den Staatsschutzsenaten heraus begreifen, das habe er nicht versucht. Aber es sei nun mal klar, dass es in München vier davon gebe und Berlin nur über einen oder zwei verfüge, und das will schon was aussagen über eine Stadt. – Warum denn das? – Na ist doch logisch, in München benötigen die Bundesanwälte keinen Personenschutz, in Berlin hingegen schon, und wer möchte sich auch mit Personenschutz durch eine Stadt bewegen? – Niemand. – Sehen Sie! – Und doch: »Hier kein Eingang zur Staatsanwaltschaft München« steht auf dem Schild vor dem neuen Strafjustizzentrum des Oberlandesgerichts. Man kann sich eben heute niemals sicher sein, dass man in der richtigen Stadt ist. Dort drüben war nämlich auch schon kein Eingang zur Staatsanwaltschaft und dort hinten sicher auch nicht.

Wo ist der? Wer klagt hier an? Und wer kommt bis zur Anklage? »Ach, wenn sie wollen, können sie schon dürfen sollen.« Auch so ein Münchner Spruch. Vielleicht befindet sich der Eingang zur Staatsanwaltschaft aber doch in Berlin, wo diese Stadt doch bekanntlich nur aus Eingängen besteht und nicht aus Ausgängen (oder war es umgekehrt?), vielleicht sogar am Pariser Platz, wo sie jetzt gerade sitzt, am Pariser Platz, wo es kein wirkliches Café gibt, nur unwirkliche, aber in einem unwirklichen Café lässt es sich eben viel besser unterhalten als in einem wirklichen. Besonders, wenn niemand zuhören soll. Und hier soll niemand zuhören. Ganz gewiss nicht. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 190)

Kathrin Röggla, geb. 1971, lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie veröffentlicht Bücher, Hörspiele und Theatertexte. Zuletzt erschien „Nachtsendung. Unheimliche Geschichten“.

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