Karsten Fischer – Mullahs, Monster und Ministerräte

Der neutrale Staat im religionspolitischen Handgemenge

Psychologisch gesehen sind Religionsübungen Zwangshandlungen, und zwar in kollektiver, kultureller Hinsicht: »Ein fortschreitender Verzicht auf konstitutionelle Triebe, deren Betätigung dem Ich primäre Lust gewähren könnte, scheint eine der Grundlagen der menschlichen Kulturentwicklung zu sein. Ein Stück dieser Triebverdrängung wird von den Religionen geleistet, indem sie den einzelnen seine Trieblust der Gottheit zum Opfer bringen lassen.«

Angesichts dessen ist es wenig erstaunlich, dass die Religionsgeschichte stets eine Konfliktgeschichte gewesen ist, und das nicht nur in der eifersüchtigen Konkurrenz verschiedener Religionen, sondern seit seiner Entstehung und noch bis heute auch in der Konfrontation mit dem liberaldemokratischen Verfassungsstaat, dessen Verpflichtung auf weltanschauliche Neutralität den Religionen einzigartige Freiheiten garantiert, aber auch deren Liberalität im Sinne der freiwilligen Bereitschaft zur Anerkennung des Vorrangs der Demokratie vor der Theologie einfordert und ihnen damit fortwährend Zielkonflikte, Ambivalenzen und Provokationen beschert.

Dies ist ein Resultat der funktionalen Differenzierung der modernen Gesellschaft, denn deren wesentliches Element ist Unterscheidbarkeit. Anders als in der vormodernen Welt, in der Religion auf das Engste verbunden und sogar partiell identisch mit Politik, Recht und Wissenschaft war, gibt es nun keine soziale Totalinklusion mehr durch die Konstruktion einer bevölkerungsweiten Gemeinschaft aller Gläubigen – abgesehen von den Prätentionen fundamentalistischer Bewegungen. Einer schönen Formulierung Luhmanns zufolge sichert die Religion heute »weder gegen Inflation noch gegen einen unliebsamen Regierungswechsel, weder gegen das Fadwerden einer Liebschaft noch gegen wissenschaftliche Widerlegung der eigenen Theorien«. (…)

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Karsten Fischer, geb. 1967, ist Professor für Politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Ideenpolitik. Geschichtliche Konstellationen und gegenwärtig Konflikte“ (zusammen mit Harald Bluhm und Marcus Llanque).