Karsten Fischer – Der Wahnsinn von Jahrtausenden

Der kalte Frieden als Hoffnungsschimmer

Der Mensch macht es sich nicht leicht mit seiner Geschichte. Sein ­Alleinstellungsmerkmal unter den Lebewesen, dank Sprache und kultureller Überlieferungstechniken noch die fernste Vergangenheit zu ken­nen, bietet ihm die Chance, nicht nur aus eigenen, biografischen Fehlern zu lernen, sondern aus Erfahrungen im ­gattungsgeschichtlichen Maßstab. Dies hat in der hochkulturellen Entwicklung sogar zum Glau­ben an einen gesetzmäßigen Verlauf der Geschichte geführt, der unterschiedliche Fantasien angeregt hat. In der römischen Antike und dann nochmals in der Renaissance galten ein zyklischer Verlauf der Geschichte und damit die Wiederkehr unmittelbar vergleichbarer Erfahrungen als ausgemacht. Nicht minder emphatisch war der Glaube an einen linearen Fortschritt, der den zum Terror verkommenen Aufklärungsoptimismus der Französischen Revolution ebenso bestimmt hat wie den Marxismus und die untereinander verfeindeten, totalitären Ideo­logien des 20. Jahrhunderts.

Auf die Idee, diese Ideologien als »Politische Religionen« zu bezeichnen, ist man vielleicht schon deshalb gekommen, weil auch die Religionen alles andere als unbeteiligt waren an der Entwicklung historischen Bewusstseins. Schließlich ist der allen Offenbarungsreligionen eigene Glaube an das erkennbare Wirken Gottes in der Geschichte in seiner unfasslichen, urvordenklichen Einheit aus Ver­gangenheit, Gegenwart und Zukunft der denkbar stärkste Historizismus. Und konfliktträchtig ist sowohl eine sakrale als auch eine pagane Form der Überzeugung, Einsicht in die Logik des Geschichtsverlaufs erlangt zu haben. Denn ob es sich um die blasphemische Verleugnung der qua Offenbarung erkannten Wahrheit (impugnatio veritatis agnitae) handelt oder um Widerstand gegen den vermeintlich vorgezeichneten, jedenfalls als alternativlos richtig angesehenen Lauf der Geschichte –man muss nur an den jeweiligen Tatbestand glauben, um das Recht, ja die Pflicht zu kompromissloser Härte gegen Apostaten und Fortschritts­verräter zu verspüren und sich Selbstzweifel, Milde und das historische Wissen um die Konfliktkosten zu verbieten. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 188)

Karsten Fischer, geb. 1967, ist Professor für Politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien »The demands of disenchant­ment: From Nietzsche, Weber, and Troeltsch to Bultmann«. In: Ian Bryan, Peter Langford, John McGarry (Hrsg.): The Foundation of the Juridico-Political. Concept Formation in Hans Kelsen and Max Weber.

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2 thoughts on “Karsten Fischer – Der Wahnsinn von Jahrtausenden”

  1. Guten Abend,
    „…Und eine analoge Logik ist von dem Exil-Iraner Seyed Mostafa Azmayesh jüngst auch für den Islam rekonstruiert worden. (…)“
    Diese Ausführungen würden mich durchaus weiter interessieren. Wo sind sie weiter zu lesen?
    MfG
    Helmut N. Gabel

    1. Sehr geehrter Herr Gabel, die vertiefenden Informationen finden Sie hier: Seyed Mostafa Azmayesh: New Researches in the Quran. Why and how two versions of Islam
      entered the history of mankind. London 2015.
      Mit besten Grüßen,
      Frank Schmidt-Arndt, Kursbuch

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