Karl Bruckmaier
 – Wahre Arbeit, wahrer Lohn

Pop als Illusionsmaschine der Individualität

für Till Obermaier-Kotzschmar,
Christian Burchard und Achim Bergmann

Egal, ob man das erste Kapitel im Buche Pop 1877 in der Werkstatt von Thomas Alva Edison beginnen lässt oder 1927 in einer mit alten Teppichen verhangenen Fabrikhalle, wo die Carter Family erstmals in ein Mikrofon singt, oder doch 1954, als ein Lastwagenfahrer aus Tupelo den blauen Mond über Kentucky anbalzt – schlägt man dieses natürlich imaginäre und ständig fortzuschreibende Werk genau in seiner Mitte auf, steht da in quietschbunten Lettern geschrieben: »Geldverdienen ist Kunst. Ein gutes Geschäft ist die höchste Form von Kunst.« Der Mann, der dies um 1975 seinem Adlaten Bob Colacello diktiert hat, trägt eine Perücke von Silber und gilt als der größte Pop-Künstler überhaupt: Andy Warhol. Er überwacht gerade mit vorgeblich schläfrigem Blick seine Adepten, die den Siebdruckrahmen für ein Dollarzeichen anfertigen, als sich die Aufzugtüre öffnet und Lou Reed singt, dass Valerie Solanas mit einer Pistole herumfuchtelt. Und schießt. Den Song habe ich mal für ein Hörspiel geplündert, das man heutzutage in Zeiten des Internets nicht mehr ausstrahlen kann, weil so ziemlich jedes Urheberrechtsgesetz darin verletzt worden ist.

Was nur beweist, dass mein Warhol-Hörspiel keine große Kunst war, weil ich wegen dieser Sache mit dem geistigen Eigentum nicht besonders viel Geld damit verdient habe. Und Bob Colacello hat mich mal in einem Wäldchen auf Long Island um eine Zigarette gebeten, während ich mit ihm smalltalkte, dass ich seine Arbeit bei Warhols Zeitschrift Interview sehr geschätzt hätte, was insofern falsch und verlogen war, als die einzig nützliche Information, die ich je aus diesem Quasselmagazin ziehen konnte, die Anweisung war, dass man eine Saftpresse nach Gebrauch sofort und auf der Stelle mit heißem Wasser reinigen soll, weil man sie sonst einfach nicht mehr richtig sauber kriegt. Wo waren wir? Ach ja, auf der Suche nach dem richtigen Leben im falschen. (…)

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Karl Bruckmaiergeb. 1956, ist Pop-Experte, Hörspielregisseur und Radio-DJ auf Abruf. Zuletzt erschienOBI oder das Streben nach Glück“ (zusammen mit Wilfried Petzi).

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