Karl Bruckmaier – Aus grüner Städte Mauern

Chronik einer wohl enttäuschten Liebe

Tweet-Entwarnung: Es sind sicher nicht 140 Zeichen, die mich zum Grünen-Wähler gemacht haben; es waren eher 140 Minuten. Und das zwei Jahre vor der Zeit. Es ist Sommer in der Stadt, obwohl im Land schon lange Winter herrscht. Die extreme Linke ermordet Menschen, kaltherzig, schmallippig; die Staatsgewalt schlägt um sich und zurück, kalt lächelnd hinter Charaktermasken. Wem gehören da die Sympathien eines gerade Zwanzigjährigen in diesem 1978, klammheimlich oder auch nicht? Man möchte gern Teil einer Jugendbewegung sein, wie der Dich­ter ein paar Jahrzehnte später singen wird, aber jetzt ist man erst einmal kein 68er, denen soeben im Kursbuch dieses Etikett verpasst worden ist: Man ist also zu spät dran, zu jung; jetzt ist man vermutlich auch kein Punk, zu gehemmt, zu alt schon, so genau weiß das keiner, und ein wenig Zukunft spürt man schon auch in sich.

Es ist also Sommer, und ich sitze mit einem Kommilitonen in einer Pizzeria am Rosenheimer Platz. Auf einem Regalbrett steht ein Fernseh­gerät, und ohne Ton bewegen sich in vertrautem Schwarz-Weiß die Münder einiger Männer – ja, das gab es damals noch, eine Gesprächsrunde bloß mit Männern besetzt. Und eine Gesprächsrunde, die noch kein Talk war und keine Show. Und einen Fernseher in einer Pizzeria, der einfach so vor sich hin flimmert, fünf Programme zur Auswahl, drei deutsche, zwei österreichische. Und das hier ist ein österreichisches Pro­gramm, der Club 2, von dessen Existenz ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts weiß und in dem bald Nina Hagen pantomimisch Mastur­ba­tionstechniken vorführen würde – der Club 2 war also keineswegs ein reiner Männer-Club, sondern ein Garten der intellektuellen wie zu­zei­ten körperlichen Lüste. Jetzt aber Männermünder: Einer gehört dem Leiter des Instituts, an dem ich Politikwissenschaften studiere – Kurt Sont­hei­mer. Einer gehört Matthias Walden, einem rechten Scharfmacher in Sprin­gers Sold. Und die beiden anderen Münder gehören Daniel Cohn-Bendit, einer hedonistischen Lichtgestalt der Frankfurter wie Pa­ri­ser Studentenunruhen, und Rudi Dutschke, dem angeschossenen Säu­len­­­heiligen der von mir verpassten Jugendbewegung, ein schnar­ren­der Wort­­häuptling in bester Demagogenmanier. Aber eben unser De­ma­goge. (…)

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Karl Bruckmaier, geb. 1956, ist Pop-Experte, Hörspielregisseur und Radio-DJ auf Abruf. Zuletzt erschien „OBI oder das Streben nach Glück“ (zusammen mit Wilfried Petzi).