Karin Reschke – Power Frauen!

Zum Wiederabdruck meines Essays aus dem Kursbuch 47. Frauen, 1977

avenidas
avenidas y flores

flores
flores y mujeres

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

Der Vers von Eugen Gomringer prangt seit 2011 an der Südfassade der privaten Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. In diesem Sommer empörten die sechs Zeilen in spanischer Sprache die Studentinnen der Hoch­schule. Sie entdeckten in den wenigen Worten die Frauenfeindlichkeit des kurzen Textes. Mit dem AStA protestierten sie öffentlich gegen das Gedicht. Ihrer Ansicht nach vertrete der Vers »nicht nur eine klassische patriarchalische Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten in­spirieren«. Der Vers erinnere »zudem unangenehm an sexuelle Belästi­gung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind«. Das Gedicht wirke »wie eine Erinnerung daran, dass objektiv und potenziell übergriffige und sexua­lisierende Blicke überall sein können. Eine Degradierung zu bewundernswürdigen Objekten im öffentlichen Raum, der uns Angst macht«.

Was erzählt der Vers Frauenfeindliches? Er deklamiert: Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer.

Spanisch gelesen, auch wenn frau kein Spanisch spricht, rhythmisiert der Autor Alleen und Blumen zu einer einfachen Melodie. Frauen und Blumen sind für ihn Bilder, die zusammengehören, also schön sind, be­wun­dernswürdig, wie ein Bild. Von Sexualität keine Spur, von einer Degradierung bewundernswürdiger Objekte keine Rede. Die Muse in diesem Vers ist die Allegorie, eine Denkfigur, und nicht die Frau, zum Objekt herabgewürdigt.

Gomringers Vers soll nach dem Wunsch des AStA von der Fassade verschwinden.

Fantasieren die Studentinnen ihre Angst herbei, weil sie sich täglich im öffentlichen Raum sexualisierten Blicken ausgesetzt fühlen, muss ein harmloser, poetischer Text herhalten, ihr Unwohlsein vor männlicher Be­wunderung zu artikulieren? Laufen sie nicht in kurzen Höschen, bauch­freien Hemden durch die Straßen, um ihrer Freizügigkeit willen? Oder haben sie sich schon unsichtbar gemacht unter Tschador und Burka, wie unsere Neubürgerinnen aus den Flüchtlingsunterkünften?

Ihre Einschätzungen des Textes und ihre Forderung, den Vers zu über­tünchen, erinnern an Feminismusdebatten aus den 70er-Jahren des vo­rigen Jahrhunderts, als frau den Versuch wagte, die männlich geprägte Sprache ins Weibliche zu verwandeln, ein Unterfangen, das scheitern musste, weil Gesellschaft weibliches und männliches Denken, Sprechen, Schreiben nicht voneinander trennen kann. Die männliche Dominanz in Politik, Wirtschaft und Kultur erlaubt seit Langem weibliche ­Inter­vention, fordert sie entschieden. Machtaneignung, bis ins höchste Staatsamt.

Frauen spielen inzwischen auf der Klaviatur männlicher Dominanz – sie haben es schon immer getan in den verschiedensten Rollen. Heute sind sie allgemein souveräner als vor 100 Jahren, als das Wahlrecht für Frauen in Deutschland, nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt, Triebfe­der der ersten Frauenbewegung um gleiche Rechte in Familie und Ge­sellschaft wurde. Der Prozess Emanzipation dauert an in unseren Breiten, er wird niemals ganz abgeschlossen sein – es sei denn, frau kämpft um Separierung auf breitester Front. Die kleinen Kriegsschauplätze hat sie schon erfolgreich befriedet: »Sehr geehrte Bürger*innen«, heißt es in of­fiziellen Anschreiben aus unseren Amtsstuben. Frau und Amtsbürger holen die Sternchen aus dem Rechner und beweisen der Mehrheit im Lande, welch guter Geist sie gemeinsam vorantreibt.

Oktober 2017
Power Frauen! Eine Ansprache

Frauenbücher, wohin das Auge schaut, als würde sich die Welt plötzlich nach einer anderen Sonne drehen. Frauenbuchläden fein säuberlich sortiert, mit Titeln, die uns heiß machen sollen, auch mit neuen Frauenzeitschriften. Nicht mehr gefragt ist, das Beste aus seinem Typ zu machen, sondern, wie werd ich Feministin? Gesellschaft umkrempeln, aber nicht die ganze, sondern nur die andere Hälfte, das schwache Geschlecht. Sie sollen stark werden und an sich selbst wachsen, die Frauen. Je mehr sie sich erkennen, umso mehr ist die Männerseite in Gefahr. Dreht euch nicht um, die Feministinnen geh’n um!

Und dabei seid ihr trocken, Frauen, wie Strohfutter. Kaum ein Text, der euch so an die Nieren geht, dass ihr schreit. Ihr setzt euch ordentlich zusammen in Arbeitsgruppen und geht die Texte durch wie Briefmarken. Dabei könnte es euch doch alle fuchsen, wenn Alice Schwarzer mit dem Sex aufräumt wie die Hausfrau ihre drei Zimmer, Küche und Bad. Auf, auf, Frauen, seid gegen das Bumsen, dann werdet ihr frei sein, Vögelchen mit neuen, frischen Flügeln und einer Liebe, die durch die feineren Körpergefilde der Frauen geht, die wächst und gedeiht, wie früher die Frucht im Leib! Alice schafft nicht nur einen Unterschied und große Folgen, sie schafft mit einem Schlag Tausende. Plötzlich sind Frauen neue Wesen. Aber ihre alten Verhältnisse bleiben bestehen, obwohl sie im Kopfe bereits abgeschafft sind. 13 Protokolle und eine Schwarzer, die das alles deichselt. Auf Sex geht’s los.

Von Frau A., 33 Jahre, Hausfrau und Putzfrau, fünf Kinder, Ehemann Hilfsarbeiter, hatte die Psychologin der Familienberatungsstelle völlig falsche Vorstellungen. Frau A. lebte nach ihrer Meinung in einem sexu­ellen Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mann. Alice hingegen findet eine »total frigide« Frau vor, bei der sich nichts mehr tut, und die dann sagt: »Im Grunde kann ich mich nicht über ihn beschweren. Er hilft mit im Haushalt und alles. Aber wenn ich noch mal zu entscheiden hätte, würde ich mir Kinder anschaffen, ohne zu heiraten.« Sie schließt es nicht aus, in so einem Fall mit einem Mann zusammenzuleben, aber heiraten, nie mehr. »Dann hat der Partner einen nämlich nicht so in der Tasche, kann einen nicht so verletzen.« Verletzt ist sie worden, schon in zarter Kindheit, von ihrem Vater, der sie vergewaltigte, eine grausige Tatsache, aber trotz aller Traumata glaubt Frau A. an die große Liebe. Mit dem Widerspruch leben, das ist es, was stimmt bei Frau A. Liebe haben, Kinder dazu, aber die Ehe nicht unbedingt. Und was tut Alice? Sie kitzelt ihr das beschissene Leben, sprich den Antisex von den Lippen, Bekenntnisse, die die Leserin hellhörig machen sollen, mich aufrütteln sollen, den Mann, die Männer unter die Lupe zu nehmen.  (…)

Weiterlesen im Kursbuch 192 > Shop

Karin Reschke, geb. 1940, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien ihr Roman „Kalter Hund“.

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *

Information teilen

Hi, vielleicht interessant für Dich: Karin Reschke - Power Frauen!!
Das ist der Link: https://kursbuch.online/karin-reschke-power-frauen/