Johanna Pink – Islam? Welcher Islam?

Interpretations- und Machträume rund um den Koran

»Tötet die Heiden, wo ihr sie findet« (Koran 9:5). »Die Männer stehen über den Frauen« (Koran 4:34). Ist damit nicht alles gesagt, was über den Islam zu sagen ist? Tatsächlich gibt es nicht wenige Beiträge in Islamdebatten, die nach diesem Prinzip operieren. Versuche, dies mit anderen Aussagen des Korans wie »Es ist kein Zwang in der Religion« (Koran 2:256) oder »Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch Gatten und Gattinnen aus euch selber schuf, damit ihr bei ihnen Ruhe findet; und Er stiftete unter euch Liebe und Barmherzigkeit« (Koran 30:21) zu kontern, führen bestenfalls zu einem fruchtlosen Suren-Pingpong. Oder aber sie werden mit einem Verweis auf gegenwärtige gesellschaftliche Realitäten konterkariert: Ist es nicht tatsächlich so, dass in Saudi-Arabien keine Kirchen stehen dürfen? Und in welcher mehrheitlich muslimischen Gesellschaft sind Frauen rechtlich und gesellschaftlich gleichberechtigt? Sind nicht die intoleranten, frauenfeindlichen Maßgaben des Korans ganz offensichtlich bis heute wirksam? Und kann dies überhaupt anders sein, wenn doch Musliminnen und Muslime den Koran als wortwörtlich geoffenbartes Buch Gottes betrachten, an dem es nichts zu rütteln gibt?

Der Denkfehler solcher Argumente liegt darin, dass hier ein fundamentalistisches Narrativ fraglos akzeptiert wird. Denn weder die Behauptung, es sei Musliminnen und Muslimen verboten, den Koran zu interpretieren, noch die weitaus grundlegendere Annahme, religiöse Normen und historische Konstitution muslimisch geprägter Gesellschaften ließen sich allein aus dem Koran ableiten, halten auch nur der oberflächlichsten Überprüfung stand. Gleiches gilt im Übrigen auch für alle anderen Religionen. (…) 

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Johanna Pink, geb. 1974, ist Professorin für Islamwissenschaft und Geschichte des Islam an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. In Kürze erscheint „Muslim Qur’anic Interpretation Today. Media, Genealogies and Interpretive Communities“.