Johann Hinrich Claussen – Der Fremde in uns

Sechs Mosaiksteine einer Religion der Migration

In den USA hat eine soziologische Studie die unterschiedlichen Einstellungen von christlichen und religionslosen Trump-Anhängern gegenüber Fremden untersucht. Dabei ist das libertäre Cato Institute, wie Ross Douthat jüngst in der New York Times berichtete, zu interessanten Ergebnissen gekommen. Denn, was hierzulande kaum wahrgenommen wird, das rechte Lager jenseits des Atlantiks ist in Glaubensdingen gespalten. Es gibt nicht nur die immer noch starke evangelikale Fraktion, sondern die Säkularisierung hat längst auch die sogenannten »Konservativen« erfasst. Sehr viele der weißen, älteren, männlichen Trump-Wähler aus dem Mittleren Westen oder den südlichen Bundesstaaten, von denen man als Europäer vermuten würde, dass sie fromme Kirchgänger wären, haben zum christlichen Glauben kein Verhältnis mehr, gehören keiner kirchlichen Gemeinschaft an. Es verläuft nicht nur ein tiefer religiöser Graben zwischen den Linken und den Rechten, sondern es gibt mehrere davon, und einer zieht sich durch das rechte Lager.

Das hat Folgen für die Haltung zu Einwanderern und Menschen anderer Hautfarbe. Je häufiger Trump-Wähler zum Gottesdienst gehen, umso weniger sind sie auf einen weißen Suprematismus festgelegt, desto eher sind sie bereit, eine freundliche Perspektive auf Menschen aus anderen Kulturen und Ethnien zu entwickeln, desto weniger sind sie geneigt, bei den Themen »globaler Freihandel« und »globale Migration« aggressiv-populistischen Parolen zu folgen. Besonders deutlich wird der Unterschied, wenn es um race geht: Ein Viertel der nicht christlichen Trump-Anhänger gibt an, dass die eigene weiße Haut für ihr Selbstverständnis von zentraler Bedeutung sei; bei den christlichen Trump-Anhängern sind es neun Prozent. Weniger als die Hälfte der Nichtchristen gab zu, gegenüber Afroamerikanern, Hispanics, Asiaten oder Juden freundliche Empfindungen entwickeln zu können. Bei den Christen waren es 71 Prozent. Anders verhält es sich mit der Einstellung gegenüber Muslimen, hier scheint der trumpistische Zeitgeist erhebliche Folgen zu zeitigen. Zusammengefasst kann man sagen, dass die christlichen Trump-Wähler weniger aggressiv, populistisch, tribalistisch, autokratiefreundlich und fremdenfeindlich sind als ihre nicht christlichen Parteigänger. (…)

Weiterlesen im Kursbuch 196 > Shop

Johann Hinrich Claussen, geb. 1964, ist Beauftragter vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und Leiter des Kulturbüros der EKD in Berlin. Zuletzt erschien „Das Buch der Flucht. Die Bibel in 40 Stationen“.