Jens Spahn – Christ und Demokrat in Union

Glaube und Moral in der Politik. Ein Gastbeitrag

Ich bin überzeugter Katholik. Mein Glaube ist Teil dessen, was ich als Heimat bezeichnen würde. Geografisch gesehen ist Ahaus-Ottenstein im westlichen Westfalen das Zentrum dieser Heimat. Besucher bezeichnen meine Heimatregion oft als idyllisch. Als einen Landstrich, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Mittendrin steht die Kirche St. Georg. Drumherum rote Klinkerhäuser und Felder, Wiesen und Wald, Nachbarorte und Städte, die ähnlich sind. Die Menschen im Münsterland, meiner Heimat, sind geradeheraus und bodenständig. Unaufgeregt, aber mit einem klaren Kompass ausgestattet für das, was gut ist, was funktioniert. Und für das, was nicht in Ordnung ist. 

Je älter ich wurde, desto bewusster wurde mir, dass es kein Zufall ist, dass St. Georg in der Mitte meiner Herkunftswelt steht. Die Kirche ist sozusagen der archimedische Punkt meiner Heimat. Kulturell und spirituell. Denn der Katholizismus, wie ich ihn von klein auf kennengelernt habe, ist für mich Fundament wie Kompass. Er gibt mir Geborgenheit und schenkt mir Gelassenheit. Und er stellt Fragen, fordert mich heraus, lässt mich mein eigenes Handeln immer wieder auf den Prüfstand stellen.

Religiöse Rituale habe ich als etwas Positives kennengelernt. Als Jugendlicher habe ich intuitiv begriffen, was Tradition ist und wie wertvoll das Weitergeben von Tradition ist. Irgendwann ging mir auf, dass es im Gottesdienst und darüber hinaus bei all den Wegmarken des Kirchenjahres nicht nur um Rituale und Feste geht. Sondern wie viel mehr dahintersteckt – die geistige, soziale und kulturelle Dimension hinter den Feiertagen, den Ritualen und den biblischen Schilderungen. Das Weihnachtsfest als Ausdruck von Zusammenkunft, Zusammenhalt und Dankbarkeit, wenn wir der Geburt Jesu gedenken. Gründonnerstag und Karfreitag, die uns alljährlich in aller Schwere vor Augen führen, wohin Verrat, Zwist und menschliche Ängste uns führen können. Das Osterfest zeigt uns, dass Vergebung und Neuanfang möglich sind. Und all das mündet schließlich im Pfingstwunder, quasi der Gegengeschichte zum Turmbau zu Babel, in dem wir Christen fähig werden, mit einer Stimme, in einem Geist, zu sprechen und zu verstehen, dass wir alle Zugang zu Jesu Botschaft vom ewigen und guten Leben haben. »Du hast mir den Weg gezeigt, der zum Leben führt«, heißt es in der Apostelgeschichte. Das ist eine großartige Botschaft, die bis heute für mich und Millionen andere Christen nichts an Bedeutung verloren hat. (…)

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Jens Spahn, geb. 1980, ist Mitglied des Präsidiums der CDU Deutschlands und seit März 2018 Bundesminister für Gesundheit. Zuletzt erschien „Ins Offene. Deutschland, Europa und die Flüchtlinge. Die Debatte“.