Jens-Christian Rabe – Brief eines Lesers (14)

Man muss die Debatten in der analogen und digitalen Realität nicht besonders intensiv verfolgen, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass Kritik an allem und jedem so selbstverständlich ist wie der Autoritätsverlust der professionellen Kritik: Die Gegenwart liebt die Kritik und hasst die Kritiker. Das Zeitalter der sozialen Medien ist das Zeitalter der Meinungen. Und im Zeitalter der Meinungen ist jeder ein Kritiker – was natürlich den professionellen Kritikern nicht gefällt, die kritische Bücher verfassen, wie A.O. Scott mit Better Living Through Criticism oder der Wiener Kritiker Thomas Edlinger mit Der wunde Punkt – Vom Unbehagen an der Kritik. Im Grunde ist das aber eine gute Nachricht.

Leider ist es ein wenig komplizierter. Wobei »kompliziert« für mich als Leser auch gleich erst einmal das Stichwort sein muss, um das Kursbuch unbedingt dafür zu loben, dass man bei der Lektüre nie – wie anderswo viel zu oft – das Gefühl hat, dass sich um die Widersprüche und Paradoxien der Welt gedrückt wird. Im Gegenteil: Wenn man im letzten Heft zum Thema Fremd sein! etwa vom Einbürgerungsdiskurs in den USA im 19. Jahrhundert und der damaligen Einstufung der Iren als »Farbige« erfährt, oder liest, warum sich Julia Kristeva im Angesicht des derzeit so aktiven »radikalen Bösen« als energische Pessimistin versteht, dann hat man eher den Eindruck, der Kurs führt geradewegs darauf zu (nur dass dabei manches allzu eilig den Diskursskizzen des Seminarbetriebs entnommen wirkt und naheliegende Fährten in die unmittelbare, popkulturelle Gegenwart nicht aufgenommen werden, erstaunt hier und da, das aber nur in Klammern). (…)

(weiterlesen im Kursbuch 186)

Jens-Christian Rabe, geb. 1977, ist Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

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2 thoughts on “Jens-Christian Rabe – Brief eines Lesers (14)

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen.Vielen Dank für die tollen Informationen.

    Gruß Sandra

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