Jasmin Siri – Rechte Frauen

Ein Blick hinter unsichtbare Fassaden

Noch vor einigen Jahren schien das mit den »rechten Frauen« in der öffentlichen Bewertung eine recht einfache Sache: Frauen sind für dieses Spektrum irrelevant und aus ideologischen Gründen privat submissiv. Ergo: Als politisch Handelnde nicht ernst zu nehmen, Gebärmaschinen im Sinne der Volksideologie, maximal Mitläuferinnen der männlichen Kameraden.

Die Wirksamkeit der Unterstellung belegt sich bereits durch Verwun­derung darüber, dass sich in der Alternative für Deutschland (AfD) Frauen engagieren, wiewohl die Partei hinsichtlich der Rolle von Frauen in der Gesellschaft nicht unbedingt das vertritt, was als emanzipatorische und liberale Frauen- und Geschlechterpo­litik bezeichnet werden kann. Noch stärker trifft sie zu, sobald es um Frauen im rechtsextremen Spektrum geht. Auch wenn Frauen in rechts­popu­listi­schen und rechtsextremen Bewegungen rein zahlenmäßig un­terlegen sind: Es gibt sie, und ihr Einfluss ist nicht unbeträchtlich, wenngleich sie weniger wahr- und ernst genommen werden. Mit dieser Form der Nichtbeachtung rech­ter Frauen sowie mit der Frage nach ihren Gründen befasst sich dieser Text.

NS-Frauen: Ein notwendiger Rückblick

Auch wenn Stimmen aus der Frauen- und Geschlechterforschung spätestens seit dem wichtigen Buch über Mothers in the Fatherland von Claudia Koonz, erschienen 1987, wiederholt darauf hingewiesen haben, dass rechte Frauen für das Funktionieren des NS-Staates erstens Relevanz besaßen und zweitens keinesfalls willfährige Opfer einer die Weiblichkeit in (Schutz-)Haft nehmenden Ideologie sind – es bestand seit den Entnazifizierungsprozessen ein unausgesprochener Konsens, dass die rechte Gefahr eine vor allem männliche Gefahr sei. Wenn wir uns mit rechten Frauen beschäftigen wollen, ist es daher notwendig, zunächst danach zu fragen, wieso so wenig über sie gesprochen, berichtet und geschrieben wird. Es gilt, diese Betrachtung Mitte des 20. Jahrhunderts beginnen zu lassen.

Wenngleich in KZs und Foltereinrichtungen Tausende Frauen arbei­teten, wurden doch nur wenige von ihnen nach 1945 angeklagt. Wendy Lower beschreibt, dass zwar Hunderte Frauen als Zeuginnen aufgerufen waren, die aus ihrer Haltung und Beteiligung am NS-System auch keinen Hehl machten. Das Interesse der Ankläger fokussierte in den Be­fragungen aber zumeist auf Verbrechen von männlichen Kollegen und Ehemännern. Überliefert sind auch Aussagen von alliierten Anklägern, die sich die Beteiligung von Frauen an Verbrechen mit Verliebtheit oder mangelndem Verständnis der Tragweite der Taten erklärten – und sie da­mit entschuldigten. Überlebende der Schoah identifizierten zwar zahlreiche Frauen als Täterinnen, als Folternde, als Mordende: »But by and large, these women could not be named.«  Die Täterfrauen blieben – anders als viele männliche Counterparts – für die Anklage unsichtbar oder unidentifizierbar. Eine der wenigen Frauen, die für ihre Taten Ver­antwortung übernehmen mussten, war Ilse Koch, die einzige weibliche Angeklagte im Buchenwald-Prozess.

Koch wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Todesstrafe, welche die meisten der männlichen Mitangeklagten erhielten, blieb ihr aufgrund einer Schwangerschaft erspart. Koch hatte jedes Wis­sen um die Verbrechen wie auch jede Beteiligung daran bestritten. Sie sei nur eine liebende Ehefrau gewesen, deren Mann zufällig eine wichtige Stellung bei der SS innegehabt habe. Aufgrund von Opferaussagen, die ihre explizite Grausamkeit belegten, blieb diese Verteidigungsstrategie in ihrem Falle ohne Erfolg. Und doch wurde auch Koch auf ihre Weise aus dem Kontext »normaler« Weiblichkeit ausgeschlossen, indem ihre Psychopathologie und Perversion herausgearbeitet wurde. Die »Hexe von Buchenwald« wurde als sexuell perverses Monster entworfen und damit von anderen Frauen mit Aufgaben im NS-Staat deutlich unterschieden.

Wenn wir uns mit rechten Frauen beschäftigen, ist dieser historische Hinweis auf die Unsichtbarkeit der Verantwortung von Frauen im NS wichtig, da er eine Haltung markiert, die bis heute die Auseinandersetzung mit rechten Frauen auszeichnet: ein tendenzielles Nichtsehen und Nicht-ernst-(genug)-Nehmen. In der historischen Forschung zum NS sowie in der deutschen Frauenbewegung war das Interesse an weiblichen Täterinnen in der deutschen Debatte bis in die 1980er-Jahre hinein er­staunlich gering. Anhand des Buches von Claudia Koonz entstand ein heftiger Disput darüber, ob weibliche Täterschaft im Nationalsozialismus angesichts der patriarchalen Ideologie überhaupt eine Sache des Möglichen sei.

Für einen Teil der Forschung war es plausibel, alle deutschen Frauen – unabhängig von ihren Aufgaben im NS-Staat und ihrer politi­schen Hal­tung – als Teil eines Opferkollektivs zu deuten. Frauen wurden zum Beispiel mit Fokus auf die Körperpolitiken der Nationalsozialisten als kollektives Opfer der NS-Ideologie beschrieben. Sie hätten unter den Körper- und Rassepolitiken des Nationalsozialismus weit mehr zu leiden gehabt als Männer. Diese kollektive Exkulpation eines Geschlechts wurde von Forscherinnen wie Claudia Koonz oder Christina Thürmer-Rohr herausgefordert. Koonz’ Studie Mothers in the Fatherland zeigt zum einen, dass wenngleich Frauen ideologisch auf die Sphäre des Privaten und die Rolle der Mutterschaft begrenzt wurden, die so­ziale und politische Praxis durchaus politische Betätigung von Frauen erlaubte. Sie zeigt, dass und wie sich für Frauen in der nationalsozia­listischen Kultur Möglichkeiten der Teilhabe, der Kollaboration und Karriere auf­taten. Und auch die ideologisch überhöhte Fixierung des weiblichen Geschlechts auf Reproduktionsarbeit beschreibt Koonz zum anderen als höchst relevant für die Stabilisierung des NS: »The chain of command from chancellery to crematorium remained entirely within men’s domain; women took no part in planning the ›final solution‹; and, except for a few thousand prison matrons and camp guards, women did not participate in murder. But, to a degree unprecedented in any other Western society, the Nazi state institutionalized a rigid social system based on polarized conceptions of ›man‹ and ›woman‹, ›Aryan‹ and ›Jew‹. The effects of this system transcended the activities of particular individuals in the final act of the Third Reich.«

Auch Frauen, die nicht direkt an Gräueltaten beteiligt waren, so ­Koonz, erfüllten für die Stabilität des NS-Regimes also eine relevante Funktion. Der NS-Staat war – auch wenn er männerbündische und sol­datische Strukturen beinhaltete – kein »Männerstaat«, sondern stabilisierte sich über die Polarisierung von binären Konzepten, zu denen das Geschlechterverhältnis gehörte. Ganz ähnlich argumentierte Christina Thürmer-Rohr, die die Mittäterinnenschaft von Frauen als notwendige Bedingung für die institutionalisierte Herrschaft des Patriarchats definierte und damit deutlich machte, dass die ideologische Zurechnung einer passiven Rolle nicht bedeutet, dass Frauen keine Täterinnen sein können.

Wie auch immer man diese Debatte der 1980er-Jahre heute beurteilen mag, sie macht zweierlei deutlich. Erstens: Ein Blick auf Gender ist uner­lässlich, um die bis heute andauernde Irritation über »rechte Frauen« zu verstehen. Erst durch die Beachtung der Geschlechterkategorie werden Exkulpations- und Unsichtbarkeitsnarrative verständlich und erklärbar. Zweitens: Die zugeschriebene Rolle der idealen NS-Frau ist eine wirksame ideologische Folie und mag Exkulpationsstrategien anreizen, sie beschreibt aber bei Weitem nicht die gesamte soziale Praxis von Männern und Frauen, weder im Nationalsozialismus noch in heutigen rechten Szenen.
Die Debatte, auf die ich mich beziehe, ist nun knapp 30 Jahre alt. Handelt es sich bei der Nichtbeachtung rechter Weiblichkeit also um ein inzwischen ausgeräumtes Missverständnis? Ein Blick auf den Rechts­terrorismus der letzten zwei Dekaden macht deutlich, dass rechte Frauen noch immer weit weniger ernst genommen werden als männliche Aktivisten.

Bis heute sind rechte Frauen vor allem in Spezialdiskursen von Wissenschaft und sozialer Arbeit Thema. Die eine oder andere gelehrte Do­kumentation in den Medien widmet sich ihnen ebenso wie die politi­sche Bildung, und sicher, es hat sich zumindest hinsichtlich der öffentlichen Sichtbarkeit von weiblichem Rechtsextremismus etwas geändert. Es ist ja auch schwierig, die Geschichte der passiven rechten Weiblichkeit weiterzuschreiben, während die Hauptangeklagte des NSU-Prozesses neben anderem eben auch dies ist: eine Frau. Eine Frau mit Organisationsfähigkeiten, mit ausgeprägter Fähigkeit zur Brutalität und ohne sichtliche Reue oder Empathie für die Opfer ihrer Taten.

Und doch zeigt auch und gerade der Fall Zschäpe, dass rechtsextreme Weiblichkeit im öffentlichen Diskurs Möglichkeiten der Exkulpation mit sich führt, die im Jahre 2017 erklärungswürdig sind. (…)

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Jasmin Siri, geb. 1980, ist Soziologin und zurzeit Fellow am Exzel­lenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ der Universität Konstanz. Zuletzt erschien „Systemtheorie und Gesellschaftskritik. Per­spektiven der kritischen Systemtheorie“ (zusammen mit Kolja Möller).

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