Janina Fleischer – Brief einer Leserin (18)

In ihrer Freizeit fahren Städter gern aufs Land. Sie füllen einen Picknickkorb mit Freilandeiern, glyphosatfreien Schrotsemmeln und Äpfeln aus der unmittelbaren Region. Sie holen den SUV mit Grip Control aus dem Stadtteil, in dem sie tags zuvor einen Parkplatz fanden, und reihen sich ein in den Stau Richtung Natur. Einfach mal für ein paar Stunden ohne Netz.

Manchmal ziehen sie auch ganz aufs Land. Wenn die Kinder Glück haben, sind sie da schon alt genug, sich ein WG-Zimmer in der Stadt nehmen zu können. Das kostet zwar mehr, als ein Erzeuger für 1000 Liter Weidemilch bekommt, liegt aber verkehrsgünstig zwischen Veganer Vleischerei und Bürger*innenbüro gegen Gentrifizierung. Wer mit 15 aufs Land muss, kann nichts dafür – wer es mit 50 noch will, hat nichts zu verlieren. Der Ruf des Dorfes lebt vom poetischen Realismus vergangener Zeiten: Natur, Nähe, Nachhaltigkeit.

Da draußen aber geht es nicht mehr wie bei Anton Tschechow zu: »Die Hunde haben die ganze Nacht gebellt – die witterten wohl, daß die Herrschaft kommt«, heißt es im Kirschgarten. Die Hunde sollte man heute im Griff haben, sonst flattert eine Klage ins Bauernhaus. Nicht jeder Hahn darf krähen, wann er will. Denn ist der Streit am Maschendrahtzaun nicht das Sinnbild der Deutschen? Und ruinieren die meisten Tatort-Leichen den Teppich nicht in einem Eigenheim?

Manchmal lässt sich etwas daraus machen: »Ihr Gut liegt nur zwanzig Werst von der Stadt ab, und es hat direkte Bahnverbindung: Wenn der Kirschgarten samt dem Terrain am Flusse parzelliert und mit Sommerhäuschen bebaut wird, können Sie sich ein Jahreseinkommen von mindestens 25 000 Rubeln sichern.« Als hätte Tschechow bei Engel & Völkers abgeschrieben.

So ein Städter sucht vor allem seine Ruhe. Während Landmenschen mit dem »Baikal IJ 512« Kaliber 4,5 Millimeter im Anschlag den Kirschbaum nicht aus den Augen lassen, laden sich Stadtleute Singvogelstimmen runter. Sie lagern auch nicht wie Oblomow in »besorgter Pose« auf dem Ost-Diwan. Sie schaffen sich was. Etwas Eigenes. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 190)

Janina Fleischer, geb. 1968, aufgewachsen in Berlin, lebt seit 1988 in Leipzig. Sie ist Kulturredakteurin der Leipziger Volkszeitung und schreibt für das Kabarett „academixer“.

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