Jakob Schrenk – Unsinn im Sinn

Bullshit im Kursbuch – eine Sammlung

Zehn Überschriften

Zwanzigjahresplan zur Abschaffung der Geldwirtschaft (Kursbuch 14, 1968)
Ist der spätkapitalistische Staat faschistisch? (Kursbuch 31, 1973)
Nieder mit der Kindheit! (Kursbuch 34, 1973)
Aus den Katakomben des Atomstaats (Kursbuch 50, 1977)
Nun muß sich alles, alles wenden (Kursbuch 71, 1983)
Kinderwunsch im sauren Regen (Kursbuch 72, 1983)
Entschuldige, daß ich dich geboren habe (Kursbuch 76, 1984)
Die Leiden des Ost-Körpers (Kursbuch 119, 1995)
Rückflug ins Paradies (Kursbuch 160, 2005)
Finis Germaniae? (Kursbuch 162, 2005)

Na, wer bekommt da keine Lust, weiterzulesen? Die Kunst der Überschrift haben die Autoren und Redakteure des Kursbuchs in den vergangenen fünf Jahrzehnten gut beherrscht. Es ist übrigens auch eine Kunst der Übertreibung. Gleich zu Beginn der Ausbildung lernt ein Zeitungsvolontär oder Journalistikstudent, dass die Überschrift natürlich schon irgendetwas mit dem Artikel zu tun haben sollte. Viel wichtiger ist aber: Die Überschrift muss für Aufmerksamkeit sorgen, die Neugier des Lesers wecken und ihn anstacheln, überreden, überzeugen, den Artikel auch wirklich zu lesen. Dafür sollte die Überschrift am besten prägnant, kurz und auf keinen Fall zu komplex sein. Große Buchstaben, große Worte. Und genau so lesen sich ja auch die Überschriften der Kursbuch-Geschichte. Sie sind mal euphorisch, mal apokalyptisch, mal rebellisch, mal verzweifelt, mal lächerlich. Und manchmal klingen sie auch ein wenig nach Bullshit.

Nun muss man natürlich sagen, dass sich der Begriff Bullshit nicht genau definieren lässt und deswegen selbst ein wenig, nun ja, Bullshit ist. Unter Bullshit lässt sich also so etwas wie heiße Luft verstehen, Sensationsmache, Reklame, leere Worte, Skandalisierungen, Übertreibungen jeglicher Art. Und die gibt es natürlich auch in der langen Geschichte des Kursbuchs. Hier haben Besserwisser und Schlechterwisser geschrieben, Meister der Melancholie, Helden der Hysterie. Und genau diese Autoren kommen hier mit ihren seltsamsten, schlechtesten und vielleicht auch besten Sätzen noch einmal zu Wort.

Natürlich ist das unfair. Und natürlich sind die Zitate aus ihrem textlichen Zusammenhang gerissen. Schlimmer: Sie sind auch aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen, denn vor 20 oder 50 Jahren hat man eben noch ganz anders kritisiert, geschimpft, gelobt, gehofft. Aber das ist ja dann schon wieder eine interessante Information. Es geht auch gar nicht darum, sich über fremde Zeiten und Zeitdiagnostiker zu erheben. Es geht darum, sich zu wundern, wie sich der Stil und der Gegenstand von Kritik wandeln (wenn sich nichts wandelt, ist das auch verwunderlich). Und vielleicht erfährt man auf diese Weise auch ein wenig mehr über die seltsame Tätigkeit des Gesellschaftskritikers, der am Schreibtisch sitzt und sich über den Zustand der Welt ärgert. (…)

Jakob Schrenk, geb. 1977, arbeitet für das Münchener Journalistenbüro Nansen & Piccard. Zuletzt erschien Die Kunst der Selbstausbeutung. Wie wir vor lauter Arbeit unser Leben verpassen.

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