Jagoda Mariniç – Das Land der Vielen

Eine mehrstimmige deutsche Geschichte

Ich sitze in einem Berliner Café. Bei kaum einem der Tischgespräche um mich herum wird Deutsch gesprochen. Deutschland 2018. Hautstadtflair mit Weltstadtelementen. Heutzutage ist für viele so ein Sprachenmix Normalität, auch jenseits der Hauptstadt. Um das betriebsame Leben einer deutschen Großstadt aufrechtzuerhalten, muss die Arbeit vieler Menschen, die aus der ganzen Welt kommen und hier ihren Lebensmittelpunkt haben, ineinandergreifen: Flughäfen, Bahnhöfe, Krankenhäuser, Pflegeheime – Menschen, auch eingewanderte, bringen all die urbanen Strukturen zum Funktionieren. Doch der Diskurs über das Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft beschäftigt sich hierzulande zunehmend mit dem Scheitern. Ein Narrativ voller Bedrohungsszenarien droht das erfolgreiche Zusammenspiel zu überschatten. Und es fehlen Narrative, die parallel von anderen Aspekten der Einwanderungsgesellschaft erzählen. Nicht so, dass Probleme geleugnet würden, wohl aber so, dass Vielstimmigkeit dafür sorgen könnte, ein Missverhältnis in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht erst entstehen und das Misslingen nicht als alles überschattendes Narrativ der Einwanderungsgesellschaft bestehen zu lassen. Eine Folge des derzeitigen Missverhältnisses ist die Normalisierung rechter Diskurse in der Mitte der Gesellschaft – sie scheinen dann nur eine Reaktion auf »die Realität« zu sein, dabei erzeugt diese Verengung der Narrative eine allumfassende Pseudoumwelt.

»Die Realität« erzählt sich aus einer anderen Perspektive naturgemäß sehr anders. Im Bundestag, in den Führungsetagen zahlreicher – auch öffentlich finanzierter – Institutionen, auf staatlich geförderten Tagungen oder Konferenzen usw. erscheint die deutsche Gesellschaft plötzlich nicht mehr so divers. Hier ist die Vielfalt noch nicht im selben Maß wie im öffentlichen Leben angekommen, weil der Zugang nach wie vor privilegiert ist – was sich auch daran zeigt, dass bestimmte soziale und ethnische Milieus unterrepräsentiert sind. Man zerbricht sich den Kopf darüber, wie Publikum, Programm und Personal diverser werden könnte, »zukunftsfähig« heißt das. Die Institutionen von morgen werden ohne die Menschen von heute nicht überleben können. (…)

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Jagoda Mariniçgeb. 1977, lebt als Schriftstellerin, Kulturmanagerin und Journalistin in Heidelberg. Zuletzt erschienMade in Germany. Was ist deutsch in Deutschland?“