Peter Rawert: Ist Zaubern eine Kunst?

Zaubern heißt, Natur­ und Denkgesetze außer Kraft setzen. Zauberer lassen etwas aus dem Nichts erscheinen oder ins Nichts verschwinden, sie heben die Schwerkraft auf, lassen feste Materie durch feste Materie dringen, zerstören einmalige Artefakte und stellen sie anschließend mir nichts, dir nichts wieder her, lesen Gedanken oder animieren tote Objekte. Ganz gleich, ob das Gravitationsgesetz oder Sätze wie die vom Widerspruch, vom ausgeschlossenen Dritten oder vom zureichenden Grunde – für Zauberer gelten sie nicht. Zauberer machen möglich, was eigentlich unmöglich ist, und zwar nicht nur aktuell unmöglich, sondern prinzipiell. Zumindest hat das so den Anschein.

Zaubern ist keine Hexerei. Auf den kleinsten Nenner gebracht ist Zaubern lediglich die scheinbare Überwindung der Natur­ und Denk­gesetze, und zwar mit den Mitteln der Täuschung. Der Zuschauer sieht etwas, was mit seiner Erfahrung vom gewöhnlichen Funktionieren der Welt nicht vereinbar ist. Er sieht das Unmögliche. Das Unmögliche ist jedoch virtuell. Es geschieht nicht in der Realität, sondern ausschließ­lich im Kopf des Betrachters. Es ist ein fehlerhaftes Digitalisat seiner Sinne und seines Denkens. Auch in den Händen eines Zauberers bleibt die Wirklichkeit, wie sie ist.

Zentrales Bindeglied zwischen dem vom Zuschauer erlebten Effekt und der Methode, mit der er erzielt wird, ist die Ablenkung. Sie ist die Interaktion zwischen Zauberkünstler und Publikum, die die Aufmerk­samkeit des Betrachters hin zum Effekt und fort von der Methode steuert. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 184)

Peter Rawert, geb. 1959, ist Notar in Hamburg und Honorarprofessor für Vertragsgestaltung an der Universität Kiel. Er sammelt alte Zauberbücher und befasst sich mit der Geschichte der Zauberkunst. Zuletzt erschien »Magie ist käuflich«. In: Weltkunst, Oktober 2015.

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