Irmhild Saake – Die Welt als Zoo

Über die soziale Reflexivität mit Tieren

Die grüne Sehnsucht in den grauen Städten macht auch vor der Emanzipation der Tiere nicht halt. 65 Prozent aller deutschen Haushalte mit Kindern halten ein Haustier. Und der Rest ist damit beschäftigt, die re­gelmäßige flehentliche Bitte der Kinder um ein Haustier abzuwehren. Bei so einem großen Prozentsatz kann man nicht drum herumreden: Haustiere bringen offenbar irgendeinen Gewinn für das Familienleben. Aber welchen? Studien sprechen von den Glücksgefühlen, die sie bringen, vom Stressabbau, dem sie dienen, und davon, dass die Lebens­­zu­frie­­denheit von Tierhaltern durchschnittlich größer ist als die von Nichttierhaltern. Aber warum? Es ist ein bisschen peinlich, das zu sagen, und die Studien sprechen es auch nicht an: Es geht ums Schmusen. Wir halten Tiere, um mit ihnen zu schmusen. Auch die vielen Bilder von niedlichen Katzen und Hundebabys, die man online kaum vermeiden kann, lassen keinen anderen Rückschluss zu, als dass es uns ums Schmu­sen geht. Warum sollte man das nicht wollen? Keine Frage. Aber was sagt es über Tiere aus, dass das mit ihnen so gut geht?

Wer einen Hund hat, kann jedes Mal, wenn er nach Hause kommt, erleben, wie er sich auf die immer gleiche Weise unbändig freut. Eigene Kinder tun das üblicherweise nicht. Partner auch nicht. Wer so etwas von Familienmitgliedern und Mitbewohnern erwartet, muss es mit Me­thoden der Erziehung erzwingen oder es allen Beteiligten so kunstvoll nahelegen, dass der Zwang dabei nicht sichtbar wird. Haustiere sind ei­gentlich die besseren Mitmenschen, und der Verdacht, dass die englische Königsfamilie gerne Hunde hält, weil sie nicht gut im Miteinanderreden ist, bestätigt diese Alltagserfahrung: Mit Hunden zu reden ist einfacher, als mit Menschen zu reden.

Die Welt unserer Kinder besteht aus Kuscheltieren und aus Bilderbü­chern, in denen Tiere Abenteuer erleben, sich mit ihren Fähigkeiten aus­einandersetzen und uns etwas beibringen. Kann es in einer Welt, in der wir uns so gut mit Tieren verständigen können, Gründe dafür geben, Tiere zu schlachten? Der Fleischkonsum pro Kopf lag in Deutschland 2017 bei 59,9 Kilogramm pro Kopf. Eine Studie der Heinrich-Böll-Stif­tung errechnet daraus, dass ein durchschnittlicher Deutscher in seinem Leben zwischen 635 und 715 Tieren isst. Veganer sind an dieser Stelle fein raus. Aber was machen alle anderen? Sie schauen nicht so genau hin, gehen ab und zu in den Zoo und unterbrechen an­sonsten die Assoziationskette der Kinder zwischen Kuscheltieren und Schnitzel. (…)

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Irmhild Saake, geb. 1965, ist Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Ethik – Normen – Werte. Studien zu einer Gesellschaft der Gegenwarten“ (zusammen mit Armin Nassehi und Jasmin Siri).