Intermezzi 3 – Rainer Merkel

Wie kommt meine Schwester auf das Foto meiner Einschulung von 1970? Wie hat sie das geschafft? Hat sie sich einfach so ins Bild hineingeschmuggelt? Sie war doch unmöglich schon so weit. Sie wurde erst zwei Jahre später eingeschult. Und doch: Sie strahlt schon eine Zuversicht aus, mit der ich nicht mithalten kann.

Vor dem etwas traurigen milden Zitronengelb der Haustür, die zu dem elterlichen Wohnhaus führt, strahlen wir um die Wette. (Ich ahne nicht, wie furchtbar die Zeit wird, die mir jetzt bevorsteht. Viel­leicht imitiere ich in dem Moment in einer kindlichen Über­treibung den Gesichtsausdruck des Vaters, der bei einem ähnlichen Pathos-Moment sich als Gefreiter ablichten lässt, kurz bevor es zur Front geht. Deswegen haben mir später die Passagen bei Foucault gefallen, in denen es um die Zurichtungen und die Disziplinie­rungen durch die Schule geht, die verformenden Wirkungen der Institutionen, die sich wie Blitzschläge in der Seele abbilden. Trotzdem grinse ich, strahle sogar ein bisschen.)

Meine Schwester: Sie strahlt durch mich hindurch, in dem Bewusstsein vielleicht, dass für sie die Schule eine große Sache sein wird, etwas, das sie mit Leichtigkeit und Glanz absolvieren wird. Wenige Wochen später geht es los mit meinen fast sadistischen Schul­inszenierungen, mit deren Hilfe ich meiner Schwester etwas von dem Horror, den ich erlebte, vermitteln will und in einer quasi-therapeutischen Katharsis auf sie übertrage. Sie lässt das mit sich machen, um ihrerseits zu triumphieren. Schule! Ich komme! Ich erleuchte dich, ich beglücke dich. (Ich kehre mit Glanz und Gloria nach Hause zurück.)

Die Schultüte, blau, mit Glanzpapier sieht leer aus, luftig, mit Schrecknissen und Verlorenheit, falschen Erwartungen und Hoffnungen gefüllt. Mein Strahlen, mein Lächeln. Alles Lüge und Selbstbetrug. Was aber hätte ich ohne meine Schwester später gemacht? Ohne meine Schwester wäre ich, als die Schule schon lange hinter mir lag und die Kränkungen und Demütigungen langsam abgeklungen waren, verloren ge­wesen. Ohne die Zuversicht und den Zuspruch der Schwester wäre ich untergegangen. Deswegen ist es okay, dass sie auf dem Foto dabei ist. (…)

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Rainer Merkel, geb. 1964, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien „Stadt ohne Gott“.