Intermezzi 3 – Paula-Irene Villa

1978 begegnete mir mit Frau ­Mücke der erste warmherzige Mensch an einer deutschen Schule. Sie war meine Klassen- und Mathe­lehrerin in der 5d. Zu dem Zeitpunkt, im August 1978, war ich seit knapp zwei Jahren in Deutschland und hatte eineinhalb ­Schuljahre an einer trostlosen Grundschule verbracht: eine ­mühsame, verwirrende und inte­res­sante Zeit. Geprägt von der Ungleichzeitigkeit, einerseits als Tochter einer renommierten Professorin an einem renommierten Forschungsinstitut (so viel wusste ich mit etwa neun Jahren sehr wohl) in zwei Sprachen, Englisch und Spanisch, nicht nur zu lesen, sondern auch – träumerisch-­prätentiös mich als Schriftstellerin imaginierend – Kurzgeschichten zu schreiben, andererseits aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse eine ganze Zeit lang im Unterricht schlicht nichts zu können.

Zu blöd, wenn man überzeugt ist, so schlau zu sein. Die Grundschule war ein wuchtiger und doch in seiner unzeitgemäßen, kaum renovierten Verwahrlosung lächerlicher Backsteinbau aus der Gründerzeit. Mit einem kleinen Anbau von 1937. Alles grau in grau. In meiner Erinnerung war diese Schule kalt, in jeglicher Hinsicht. Die Klassenzimmer nicht hinreichend beheizt, die Lehrerin unterkühlt, schmallippig, unansprechbar – sie sprach kein Englisch, ich zunächst kein Deutsch, »sieh halt zu« war ihre Haltung – die Toiletten auf dem Hof, also vor allem im Winter klirrend kalt. Fies waren sie sowieso. Kalt war die Atmosphäre, die paramilitärisch anmutende Aufstellung in Zweierreihen vor Schulbeginn und nach jeder Pause (Hofgang), der Be­fehls­ton im Unterricht. Interessant waren einzelne Freundinnen aus der Zeit, sie lebten ja so anders. So anders als wir, so anders, als ich es aus den anderen Ländern kannte, in denen ich zuvor gelebt hatte. Bei ihnen war die Mutter immer zu Hause, und es gab mittags, nicht abends warmes Essen! Bei einer Freundin wurde zum Duschen die Badewanne in der Küche ausgeklappt. Und bei einer anderen um­hüllte eine Barbie mit selbst gehäkeltem Flamenco-Kleid das Toilettenpapier. Das war Deutschland? Sehr eigenartig. (…)

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Paula-Irene Villa, geb. 1968, ist Professorin für Allgemeine Soziologie und Gen­der Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflech­tungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart“ (zusammen mit Sabine Hark).