Intermezzi 3 – Armin Nassehi

Zwischen den beiden Bildern liegen 15 Jahre. Das erste zeigt mich mit fünf Jahren, ein Jahr vor der Einschulung in der Volksschule an der Flurstraße in München-Haidhausen im Jahre 1965. Das zweite ist aus dem Jahr 1980, ein Jahr nach dem Abitur am Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Gelsenkirchen mit 20 Jahren. Dazwischen habe ich Schulen in Landshut, Teheran und Tübingen besucht. Auf dem zweiten Bild bin ich bereits Student an der Universität Münster, heute Professor an der Universität München. Wenn ich nach meinem Migrationshintergrund gefragt werde, gebe ich meist scherzhaft eine Bildungs­biografie zum Besten: mit Gelsenkirchener Abitur bayerischer Ordinarius geworden zu sein. Mein ganzes Leben habe ich in Bildungs­institutionen verbracht.

Meine Bildungsbiografie ist allzu gerade gewesen – Schule ohne Unterbrechungen, Abitur zur rechten Zeit, sofort ins Studium mit mehreren Studienfächern, Diplom in der Regelstudienzeit, Promotion hat etwas gedauert, aber Habilitation schon zwei Jahre später und Berufung in München vier Jahre nach der Habilitation. Das ist eine Musterbildungsbiografie, sehr langweilig, weil gewissermaßen DIN A4, eine Normgröße. Ich bin als Mitglied der Babyboomer-Generation mitten hineingeworfen worden in die Bildungsexpansion der 1970er-Jahre. Das Gymnasium in Gelsenkirchen, ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium, allerdings Abitur mit Leistungskursen in eher diskur­siven Fächern (Deutsch und Englisch), hat wohl eine typische Erfahrung des Bildungsaufstiegs der unteren Mittelschichten in den akademischen Bereich vermittelt, unterrepräsentiert waren Arbeiter­kinder.

Ich habe im letzten Jahr meine Lieblingslehrerin wiedergetroffen, bei der ich den Leistungskurs in Englisch hatte. Im Gespräch mit ihr ist mir deutlich geworden, wie prägend diese Schuljahre für mich waren: in einem geschützten Raum eine Art kontrollierte Renitenz leben zu können, deren Abweichung immer nur so weit ging, dass man den Anforderungen an das formal Notwendige genügte. Ich glaube, ich war als Schüler bis zum Abitur immer noch so brav, wie ich auf dem ersten Bild aussehe – auch wenn wir eine brave, durchaus kontrollierte Form der Renitenz ausgelebt haben, von der das zweite Bild wenigstens eine Ahnung vermittelt. Ansonsten war Schule ein notwendiges Übel, und zugegebenermaßen auch ein Ort, dem ich keine Träne nachgeweint habe – was auch ein Ausdruck von völliger Selbstverständlichkeit ist. Eine Bildungsbiografie zum Abitur mit dem entsprechenden Herkunftshintergrund (bildungsnahes Elternhaus, ausreichend materielle Stabilität) war nichts mit Informationswert. Ich habe sogar das Gefühl, nichts gelernt zu haben, was gar nicht stimmt – aber auch das ist wohl nur Ausdruck jener Selbstverständlichkeit einer solchen langweiligen Bildungsbiografie. (…)

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Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Demnächst erscheint „Gab es 1968? Eine Spuren­suche“.