Intermezzi 2 – Wolfgang Schmidbauer

Ich bin 1947 in Stammham eingeschult worden. Auf meinem Schulweg, geführt von meinem zwei Jahre älteren Bruder, überquerte ich unwissend die Grenze zwischen Niederbayern und Oberbayern, den Türkenbach. Der kleine Hof der Großeltern väterlicherseits lag in Deindorf am Inn und gehörte nach Niederbayern; Stammham aber, gelegen in Richtung Marktl, lag in Oberbayern. Auf dem Heimweg ging ich nicht mit meinem Bruder, der länger Schule hatte als ich, sondern mit einem Vetter, der auch in Niederbayern lebte und mich auf der B 12 begleitete, damals ein sicherer Weg für Sechsjährige. Jedes Automobil oder Motorrad war eine Sensation, die schon lange vorher beobachtet und wenn möglich in ihrem Fabrikat identifiziert wurde. Mein Vetter behauptete, er sei stärker als ich und könne mich in den ­Straßen­­graben schmeißen. Ich musste widersprechen, nach kurzem Ringen war er es, der dort landete.

Das betreffende Stück der Bundesstraße lag im Gesichtsfeld des Küchenfensters, von dem aus ­meine Oma alles beobachtete, was in der Nachbarschaft vorging. So ging ich in die Familiensaga als der Wolfi ein, der schon am ersten Schultag einen Kameraden in den Graben geschmissen hatte.

Meine Laufbahn als Raufer ist nach diesem verheißungsvollen Beginn mit der Einschulung in das humanistische Gymnasium Passau zusammengebrochen. Dort waren viele älter, stärker und geschickter als ich. Im Sportunterricht beim Völkerball gehörte ich zu den Nutz­losen, die bei der Wahl der Streiter übrig blieben.

Rivalität spielte eine große Rolle, wenn ich meine Schulerinne­rungen analysiere. Besonders gut habe ich mir Triumphe über die Lehrer gemerkt. In Stammham be­hauptete die Lehrerin, eine große, grauhaarige Frau, die mich an meine Kuh Olga erinnerte und mir deshalb keine Angst machte, die Sonne sei der größte Fixstern. Ich meldete mich und setzte dagegen, ein Stern namens Beteigeuze sei viel größer als die Sonne. Die Lehrerin ärgerte sich und wollte wissen, wer mir das gesagt habe. »Meine Mutter!« In der Sprechstunde erklärte sie meiner Mutter, die Altklugheit ihres Jüngsten sei besorgniserregend. Meine Mutter sagte nur, sie könne mir die Ohren nicht verbinden, und der Betei­geuze sei tatsächlich größer. (…)

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Wolfgang Schmidbauer, geb. 1941, lebt und arbeitet als Lehranalytiker und Paartherapeut in München. Zuletzt erschien „Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft“.

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