Intermezzi 2 – Regina Schmeken

Und es ist nicht Bildung.
Es ist ­Geschichte.
Es ist Poesie.

Holden Caulfield trat in mein Leben durch J. D. Salingers Buch Der Fänger im Roggen, da war ich ungefähr 15 Jahre alt. Damals war ich auch schon auf der »Suche nach der verlorenen Zeit«, aber Holden war wie ich, oder ich war wie Holden. Egal ob ich ein Mädchen war, er fühlte, er dachte wie ich. Auch hatte ich früh erkannt, dass man als Junge in den 60er- und 70er-Jahren ein einfacheres, lustigeres Leben haben konnte. Also wollte ich einer sein. Mit ungefähr elf Jahren gründete ich einen Klub der Mädchen, die lieber Junge sein wollten. Als Mitglied trug man Nietenhosen, wie man Jeans damals nannte, dazu eine Schirmmütze, um die Verwegenheit der Trägerin zu betonen. Ich bastelte kleine Anstecker aus ­Pappe mit dem selbst gemalten Logo der Bewegung. Dann begab ich mich in die Bäume, zusammen mit den zwei bis drei weiteren Mitgliedern meines Klubs, und wir übten uns im Klettern und männ­lichen Benehmen. Eine gewisse Rauheit und Tapferkeit waren Voraussetzung für die angestrebte Verwandlung. Es dauerte dann nicht mehr lange, und meinem festen Vorsatz, doch noch ein Mann zu werden, wurde durch die Realität der Pubertät ein Ende gemacht. Aber Mädchen-Sein war eigentlich doof, dachte ich damals.

Zum Ausgleich für diese Erkenntnis, eine Frau werden zu müssen, wünschte ich mir von meinen Eltern ein Vélosolex, ein Mofa französischer Provenienz, das auch noch wie ein Fahrrad benutzt werden konnte, sollte das Benzin ausgehen. Es war unter jungen Leuten Kult und versprach Freiheit und Abenteuer, Unabhängigkeit von Bus und Straßenbahn und ein bisschen was von der Welt, die eigentlich jungen Männern vorbehalten war. Meine beste Freundin hatte so ein Gefährt, und ich durfte es ausprobieren, einen ganzen Tag lang. Ich war selig, was für ein tolles Gefühl. Aber meine Eltern hielten mich für zu verträumt für einen motorisierten Untersatz. Ich war empört und enttäuscht, auch wenn es eine Tatsache war, dass ich als Kind regelmäßig meine Zahnspange unter der Schulbank vergaß oder auch im Fahrradkeller der Schule das Fahrrad und dann zu Fuß nach Hause lief. Mein Protest gegen das Traumtänzer-Image änderte nichts an dem Entschluss.

So musste ich mir die Freiheit anderswo holen. Ich besuchte ein Mädchengymnasium.

Schule war nie mein Ding, sie ging mir gewaltig auf die Nerven. Das lag natürlich vor allem an den Lehrern. Dumm nur, dass mein Vater einer war und mein Onkel auch. Der hatte sogar mein Schulbuch für den Lateinunterricht verfasst – wie peinlich war das denn. Vor allem wenn man selbst keine Lust hatte, die lateinischen Vokabeln zu pauken. Und ständig zu hören bekam, man solle sich mal an der Cousine ein Beispiel nehmen, die würde aus Spaß die Vokabeln lernen, in der Schule nur glänzen und im Übrigen hochbegabt sein. Ich fand Trost bei Holden Caulfield, dem Ich-Erzähler in „Der Fänger im Roggen“, der sagte: „Man soll immer nur lernen, damit man sich später einen verdammten Cadillac kaufen kann … ich habe überhaupt von fast nichts etwas … ich bin schon vollkommen runter.“ Das sprach mir aus dem Herzen. Ich konnte mit dem Unterricht am Gymnasium, den Lehrern und auch den meisten Mitschülerinnen nichts anfangen. (…)

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Regina Schmeken, geb. 1955, lebt und arbeitet als Fotografin in Berlin. Zuletzt wurde ihre Ausstellung „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt, dazu erschien der gleichnamige Katalog (zusam­men mit Hans Magnus Enzensberger et al.).

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