Intermezzi 2 – Olaf Unverzart

Auf der Rückseite des Klassenfotos steht: »Olafs erster Schultag, ­September 1979«.
Für mich unverwechselbar die Handschrift meiner Mutter.

Heute, beim genauen Betrachten, stelle ich fest, dass der große dünne Junge, der ich war, im Zen­trum des Bildes steht. Von ihm aus, der sichtbar denselben Wirbel im Haar hatte wie sein Vater, baut sich das Gruppenbild sternförmig aus.

Dabei erinnere ich mich noch gut, dass ich alles andere als dort stehen wollte. Von Selbstbewusstsein keine Spur. Der Boden der Turnhalle, in der wir begrüßt wurden, quietschte vom ersten Tag an und würde vier Jahre nicht aufhören zu quietschen. Schweiß und Gummimatten ergaben eine Geruchskombination, so durchdringend, dass sie in mir als Erwachsenem zuverlässig den Proust’schen »Madeleine«-Effekt auslöst. So riecht Grundschule. Schon kurz nach der Einschulung wurden meine Eltern einbestellt, weil sich der Bub nicht stillhalten wollte. Ständig pfiff er vor sich hin und wollte ewig die Lehrerin dazu überreden, die Klasse doch lieber draußen an der frischen Luft zu unterrichten.

Was damals völlig selbstverständlich war und auf dem Foto­­abzug von Revue analog ­dokumentiert wurde: Die Erstklässler der 1970er-Jahre wurden zur Einschulung nur von ihren Müttern begleitet. Das war ausschließlich Frauensache. Nur sie hatten sich dafür Zeit genommen beziehungsweise waren schlicht dazu bestimmt. Meine Mutter kam mit einer großen hellen Sonnenbrille und einer frischen Dauer­welle. Der offizielle Teil war dann auch schnell vorbei, während daheim wieder die Landwirtschaft wartete und irgendwann auch mein Vater. Da konnte es noch so ein be­son­derer Tag sein, irgendwie musste jedes Ereignis in den Ablauf von Füttern, Melken und Ausmisten integriert werden.

Erst letztes Jahr wurde meine Tochter eingeschult. Da versammelten sich im Pausenhof diverse Elternkombinationen: zwei Väter und eine Mutter, zwei Mütter und kein Vater, gefühlt mehr Väter als Mütter, sehr viele Großeltern, die alle gleichzeitig mit ihren Handys fotografierten und darauf hin und her wischten, um das große Ereignis, das im Vergleich zu damals aus totaler Ereignislosigkeit bestand, in Wort und Bild gleich in alle Welt zu ­verschicken. Die verschüchterten Kinder wurden von ihren viel zu großen Schultaschen nach hinten gezogen. Aus den aufgerufenen Nachnamen ergab sich ein Potpourri aus Klängen der großen weiten Welt. Während ich mich als Vater einer frischgebackenen Erstklässlerin jetzt mit WhatsApp-Schulweggruppen, Patchwork, Hortzeiten und Hip-Hop-Kurs­terminen beschäftige, wurde ich am ersten Tag nach der eigenen Einschulung von meiner Mutter in aller Frühe vor die Haustüre ­gestellt, um dann irgendwann von einem Bus eingesammelt zu werden, der uns Knirpse fünf Kilo­meter später wieder auslud. In meinem Dorf, ein sehr kleines Dorf, waren wir drei Kinder, die auf den Bus warteten. Zwei davon gingen schon in höhere Klassen. (…)

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Olaf Unverzart, geb. 1972, lebt als Fotograf und Künstler in München und der Oberpfalz. Für seine in Ausstellungen und Publikationen gezeigten Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Demnächst erscheint „Kleine Scheine“.

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