Intermezzi 1 – Peter Felixberger

Das Klassenfoto stammt aus dem Juli 1968. Da war ich acht Jahre alt. Besser gesagt: Ich wurde es erst im August, nachdem russische Panzer in der damaligen Tschechoslowakei aufgefahren waren, um den Prager Frühling abzuwürgen. Genau am 21. August 1968. Fast 50 Jahre sind seither vergangen. Schüchterne Rückblicke im Kopf: ein ­dunkelblauer Fiat 128, drei Kinder samt Mutter auf der Rückbank, starrer Blick in einen ver­regneten Augustmorgen, Panzer in der tschechischen Provinz.

Eine Woche vorher waren wir ­eingereist. Eine klassische Baby­boomerfamilie aus der Bundes­republik, die Mutter mit sudetendeutschen Wurzeln. Tante Maritsch hieß unsere Gastgeberin mit funkelndem Goldzahn. Irgendwo an einer kleinen Straße in einem gelben Haus. Herrliche Sommertage, eine große Streuobstwiese, ­Powidl, Unbeschwertheit. Aber auch fremde Verwandtschaft, die meine Eltern und uns um­armte. Meine Geschwister und ich zwischen Neugier und Panik. »Wann fahren wir endlich wieder heim?«

Dann weckte uns die Tante eines Tages um vier Uhr morgens. »Ihr müsst los, weg von hier. Zur Grenze, möglichst schnell.« Ein lautes Radio spuckte tschechische Wörter im Stakkato aus. Ab in den Fiat, Tante Maritsch vorne in un­serem Auto. Bald tauchten die ersten Panzer am Straßenrand auf. »Schneller«, rief die Tante. Meine Eltern habe ich irgendwie ruhig in Erinnerung. Kurz vor der Grenze stieg Tante Maritsch einfach aus. »Fahrt schnell über die Grenze.« Wir stotterten dem Schlagbaum entgegen. Dann Hektik bei den Grenzern, Achselzucken beim Vater. Regnete es wirklich an diesem Tag oder nur in meiner Erinnerung? Langsam quälten wir uns hinter den Schlagbaum. Wir waren eines der letzten Autos, bevor die Grenze geschlossen wurde. Wie Tante Maritsch zu ihrem Haus zurückkam, weiß ich nicht mehr. In der Erinnerung blieb sie jene mu­tige, starke Frau, der wir unsere Ausreise verdankten.

Meine Sozialisation nach unserem ČSSR-Abenteuer war irgendwie typisch für meine Kohorte: Gymnasium, Bildungsfahrstuhl, Anti-AKW-Großprojekte-Strauß-und-CSU-Bewegung, Buchhändler und Student in München … »Die mit Helm links, die ohne rechts«, riefen uns Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit im Frankfurter Wald zur Startbahn West später zu – die 68er gaben den Ton an. In der Schule hörte ich zum ersten Mal die Wörter Resolution und Revolution. (…)

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Peter Felixberger, geb. 1960, ist Programmgeschäftsführer der Murmann Publishers sowie Publizist, Herausgeber und Medienentwickler. Zuletzt erschien „Deutschland. Ein Drehbuch“ (zusammen mit Armin Nassehi).

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