Intermezzi 1 – Georg M. Oswald

Meine Kindheit als Bildungseinrichtung betrachtet, war von modellhafter Ordnung. Das Haus, in dem wir wohnten, stand der Kirche gegenüber. Die Straße dazwischen war die Schulstraße, sie reichte, höchst sinnhaft, vom Schulgebäude bis zum Friedhof. Mein täglicher Schulweg betrug etwa 300 Meter, von der Kirche zur Schule und wieder zurück.

Die Kirche war mir nicht nur räumlich näher. Die Aufgaben in der Schule waren darauf angelegt, gelöst zu werden. Die Rätsel der Kirche waren unergründlich. Ganz wie das Glasauge des Pfarrers. Während mich sein intaktes Auge streng fixierte, blickte das andere scheinbar gedankenverloren in eine unbestimmte Ferne. Darin ähnlich dem Auge der Dreifaltigkeit unter der Kirchendecke. Ein stärkerer Beweis, dass der Pfarrer der Stellvertreter Gottes auf Erden war, war kaum denkbar und auch nicht nötig. Sein Reich war gekommen, sein Wille geschah. Auch für mich gab es einen Platz in der gött­lichen Ordnung, als Ministrant. Es galten folgende Tarife: einfache Gottesdienste eine D-Mark, Be­erdigungen zwei D-Mark, Hoch­zeiten fünf D-Mark. Auf der linken Seite des Hauptschiffs über dem Kreuzweg befand sich meine ­liebste Heiligenfigur. In glänzender Rüstung zu Pferde besiegte der heilige Georg den Drachen. Genauer, seine Lanze bohrte sich vollständig durch Rachen und Hals, die blutverschmierte Spitze ragte auf der anderen Seite wieder heraus. Ich war mit der Auswahl meines Vornamens zufrieden. Ich empfing die heilige Kommunion und später den Wangenstreich des Kardinals zur Firmung. So hätte es weitergehen können, doch es gab im Dorf keine weiterführende Schule. Nur die Schulstraße führte weiter. Hinter dem Friedhof wechselte sie den Namen und brachte mich zum Bahnhof. Täglich fuhr ich nun in die Stadt. Es geschah, wovor der Pfarrer uns alle gewarnt hatte. Ich kostete vom süßen Gift des Zweifels, entdeckte das un­sichere Glück der Freiheit …

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Georg M. Oswald, geb. 1963, lebt und arbeitet als Jurist und Schriftsteller in Mün­chen. Zuletzt erschien der Roman „Alle, die du liebst“.

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