Intermezzi 1 – Daniela Roth

Eine katholische Jugend auf dem Lande sei so ungefähr das Schlimmste, was einem widerfahren könne, so wollte ich Ralf ­Dahrendorf verstehen. Er konstatierte in den 1960er-Jahren der »katholischen Arbeitertochter vom Land« die schlechtesten ­Bildungsaussichten. Landkind, Mädchen, katholisch stimmte für mich, eine Arbeitertochter war ich nicht. Dass Mädchen nicht studieren müssten, weil sie ohnehin einmal heirateten, war in der Provinz in den 70ern allerdings noch herrschende Meinung.

Eingeschult 1976 in einer ­Ministadt auf der Ostalb (mit Stadtrechten, weil hier die Deutsch­ordens­ritter waren), fand ich die katholischen Predigten unlogisch, den katholischen Religionsunterricht betulich und meine eigene katholische Erziehung schon als kleines Kind irgendwie schein­heilig. So waren die Leute in Wirklichkeit doch gar nicht! Mehr als dass mir die katholische Prachtentfaltung Freude bereitet hätte, beengten mich das »Ein-gutes-Kind-sein-Müssen« und das Leidensbetonende am Katholizismus. Brav war ich ohnehin, und geduldig. Sonntags musste ich in die Kirche ins »Hauptamt«, und mittwochs in die Schülermesse. In der Adventszeit ward eine große Krippe aufgebaut, und nach dem Gottesdienst durfte ich dem »Negerle« ein »Zehnerle« in den Opferschlitz im Schoß werfen, »für die Mission«. Dafür hat sich der »Nickneger« artig bedankt.

Das Landleben war für ein Kind schön, Wald und Wiesen, der Duft von Heu und Silo im Sommer und süße warme Milch im Kuhstall bei den Bauern in der Nachbarschaft. Eine Freundin hatte Ponys, und in den Sommerferien ritten wir jeden Tag aus. Bei der evangelischen (!) Pfarrersfrau ging ich zum Block­flötenunterricht. Das wurde als Ausdruck der liberalen Erziehung meiner Eltern gewertet. Gut katholische Familien hatten ihren Nachwuchs vor einer Beeinflussung durch »die Evangelischen« (und vor »Mischehen«) zu hüten. (…)

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Daniela Roth, geb. 1970, ist Kunsthistorikerin und Soziologin mit dem Schwer­punkt Länder Afrikas. Zuletzt erschien „Romuald Hazoumè. Mister Kanister und die orale Postmoderne“.

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