Intermezzi 1 – Barbara Vinken

Ein Schulkonzert, ich spielte Walzer von Chopin. Irgendwie war ich glücklich, denn ich konnte nicht richtig Klavier spielen, aber gerade war alles gut gegangen. Davor vierhändig mit meiner kleinen Schwester, schöner und sicherer, sie spielte sehr gut. Auf der Bühne unserer Aula mit samtrotem Vorhang, wo ich sonst nur im Schultheater im Schatten des frühen Schauspielertalents Ulrich Tukur, damals noch Ulrich Scheuerlen, stumme Rollen hatte, wahlweise Huren und Nonnen.

Zur Schule bin ich immer gern, meistens sehr gern gegangen. Wie viele kleine Mädchen war ich ein bisschen in unseren Klassenlehrer verliebt. Ich freute mich, wenn meine Tante mir neue Kleider ­nähte, zitronengelb, mit weitschwingendem Rock und breitem Gürtel mit blauer Plastikschnalle, und er mir Komplimente machte. Trotzdem kam ich morgens einfach nicht aus dem Haus auf die Straße. Ich schaffte es schlicht nicht, die warme Geborgenheit, meine Mutter, meine kleinen Geschwister zu verlassen. Schul­unfähig wäre ich wohl gewesen, wenn nicht unser Nachbarssohn Carsten, große grüne Augen, dunkle Wimpern, weiße Haut, jeden Morgen aus seinem mit ­einer weißen Ziegelsteinmauer umfassten Haus über die Straße gegangen wäre und mich abgeholt hätte. Vielleicht war es die Angst vor dem bellenden Spitz oder vor dem dunklen, aus schwar­zer Erde gestampften Küstergang, der, gesäumt von einem Bach, an einer auch nicht gerade mütter­lichen Kirche vorbeiführte. Noch heute bin ich Carsten dankbar, denn zusammen ging es gut. Damals war Großburgwedel, das seit der Wulff-Affäre als Nobelvorort gehandelt wird, ein Bauerndorf mit Neubaugebieten; die Väter pendelten nach Hannover.

Meine Eltern waren quasi neben das Gymnasium gezogen, und mein Schulweg, jedenfalls hintenrum auf Schleichwegen durch ein Gartentörchen, war dann nur noch drei Minuten. Trotzdem kam ich nicht aus dem Haus, und ging erst, wenn der Schulgong läutete. Ich kam immer ein bisschen zu spät, sehr, sehr undiszipliniert, fanden meine Lehrer. Manchmal verschlossen sie verzweifelt die Klassentür. Noch heute bin ich stolz auf mich, wenn ich es geschafft habe, zur richtigen Zeit am rich­tigen Ort zu sein. Und es fällt mir noch immer sehr schwer. Carsten hatte Latein gewählt, ich Französisch, und wir waren jetzt in verschiedenen Klassen. Unser Haus war immer voll von Kindern, weil immer irgendjemand Freistunde hatte. Ich weiß noch, dass meine Mutter einmal ziemlich entsetzt war, weil wir ihr das ganze, gerade stundenlang gekochte Pflaumenmus aufgegessen hatten.

Ich war eine strenge Schülerin, und langweilige Lehrer regten mich auf, andere begeisterten mich. Einmal habe ich einen Streik an­geleiert, und wir alle haben die Klassenarbeit nicht geschrieben; wir waren, fand ich, ungerecht behandelt worden. Von der Schule bin ich nicht geflogen. Heute leide ich unter meiner damaligen ­Strenge. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre meine eigene Studentin und würde sagen, das hätte man jetzt aber wirklich ein bisschen brillanter formulieren können, schwache Interpretation, öde.

Peu à peu fühlte ich mich auf dem Gymnasium zu Hause, alle meine Geschwister kamen nach. Zusammen mit unserem kuriosen, sehr intellektuellen Französischlehrer machte ich einen Filmklub: La dolce vita, Il deserto rosso, Der Mann, der die Frauen liebte, Hiroshima, mon amour. Aber auch Hausbackenes: einmal in einer Riesenaktion zum Nikolaus selbst gebackene Buckmänner für alle. (…)

Weiterlesen im Kursbuch 193 > Shop

Barbara Vinken, geb. 1960, ist Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Angezogen. Das Geheimnis der Mode“.

Weiterempfehlen mit:
Passwort vergessen?
Sie haben Ihr Passwort vergessen? Tragen Sie Ihren Benutzernamen oder Ihre Email-Adresse ein. Sie bekommen dann einen Link, um ein neues Passwort anzulegen.
We do not share your personal details with anyone.