Herfried Münkler – Wann marschieren wir ein?

Militärische Interventionen als Exportmärchen guten Lebens

Offenbar haben wir über Jahre hinweg die falsche Debatte geführt – oder die falschen Fragen gestellt. Anstatt zu fragen, wann wir einschreiten dürfen, hätten wir wohl fragen sollen, wann wir einschreiten müssen, weil es die moralische Verpflichtung gibt, einen sich anbahnenden Bürgerkrieg zu verhindern und weiteres Morden zu unterbinden. Diese Fragen sind zwar immer wieder gestellt worden, aber gegen den lauten Chor derer, die nicht über eine moralische Verpflichtung zur Intervention, sondern nur über deren rechtliche Begrenzung sprechen wollten, haben sie nur selten Gehör gefunden. Das mag mit Blick auf die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert verständlich sein. Angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts lief die Frage nach dem Dürfen jedoch auf eine Verkennung der Lage hinaus, die im Ergebnis zu weitreichenden Fehlentscheidungen geführt hat: Nicht dass deutsche Soldaten noch hier und da zusätzlich hätten dabei sein sollen; aber dort, wo die Bundeswehr an Interventionen beteiligt war und ist, ist sie durch die Debatte über das Dürfen in die falsche Richtung geschickt worden.

Die Annahme, die der unter dem Eindruck der Gräuel in den jugoslawischen Zerfallskriegen und dem Völkermord in Ruanda aufgekommenen Debatte zugrunde lag, war die Vorstellung von einem politischen Akteur, der vor militärischer Kraft strotzte und nur darauf wartete, seine Fähigkeiten in aller Welt unter Beweis zu stellen. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 172)

Herfried Münkler, geb. 1951, ist Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Schwerpunkt liegt auf der politischen Theorie und Ideengeschichte. Zuletzt erschien „Die Deutschen und ihre Mythen“.
Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft II“.

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