Heinz-Elmar Tenorth – Neu wird der Mensch!

Der lange Marsch der Bildungsutopien

1. Thema und These

Die öffentliche Rede über »Bildung« lebt von dem Versprechen, eine his­­torisch notwendige und zugleich individuell wie gesellschaftlich wün­schens­werte Zukunft herbeiführen zu können, und zwar zielsicher, ge­waltfrei und konsensual – wenn man die Bildungspropheten nur lässt, wie sie wollen: in der aktuellen Gegenwart bessere Welten konstruieren, andere Zeiten eröffnen, neue Menschen schaffen. Das sind, für nüchterne Beobachter, ganz erstaunliche Versprechen, die dabei immer neu vorgetragen werden. Die Leistungen werden deshalb auch nicht zufällig, zum Beispiel in soziologischer Perspektive, als »Wunder«  qua­lifiziert, wenn man ihre Realisierbarkeit be­fragt. Der Attraktivität der Rede von Bildung hat das offenbar nicht geschadet. Unverdrossen wird Bildung immer neu beansprucht, gleich ob »Gerechtigkeit« und »Gleichheit«, »Aufstieg für alle«, Wohlstand und Glück oder die Zukunft der Menschheit in der digitalen Welt zum Thema werden. Bildung soll es richten.

Der hohe Ton und die emphatischen Versprechen sind auch nicht in nationaler Zuschreibung zu destruieren, wenn Bildung als spezifisch deutsche »Utopie« kritisch qualifiziert und als »semantisches Gefängnis der Deutschen« problematisiert wird. Unerschütterliche Beharrungskraft gilt selbst angesichts historisch scharfer Zä­suren, wie der von 1989/1990. Mögen die liebevoll tradierten sozialistischen Utopien ihre Überzeugungskraft damals für Beobachter auch definitiv eingebüßt ha­ben, heute werden sie, antistalinistisch neu qualifiziert und mit einem globalisierungskritisch gelesenen Marx geschmückt, neu propagiert. Diese Stabilität scheint mir deshalb das wahre Wunder, die Tatsache, dass in der Rede von Bildung die schönsten Zukunftsbilder gegen alle Erfahrung tradiert werden, als Versprechen einer bes­se­ren Zukunft für alle, in der Sprache wie in den Wirkungsannahmen eindeutig und stark der religiösen Tradition der Exoduserzählung verbunden  – Erlösung durch Bildung als letzte Utopie, nachdem die Staatsutopien ihre Geltung verloren haben.

Hat Bildung dieses Potenzial? In bildungshistorischer Perspektive ver­wundert dieser unerschütterliche Glaube vor allem, denn schon ein Blick auf die Rolle von Bildung in den klassischen Utopien erzeugt eher starke Distanz als vertrauensvolle Zustimmung. In aller Varianz, die diesen Texten eigen ist, wie wünschenswert auch die Eigentums- und Staatsverhältnisse oder die neuen Welten und Menschen gezeichnet sein mö­­gen, die Rolle von Bildung und Erziehung ist eher proble­matisch, subjektfeindlich und freiheitsbedrohend. In den klassischen Tex­ten ist ihre sozialkonservative Funktion unverkennbar, nicht nur Marx, selbst die frühen Sozialisten wären nicht auf die Idee gekommen, sie anders zu denken. (…)

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Heinz-Elmar Tenorth, geb. 1944, ist Professor em. für Historische Erziehungs­wissenschaft am Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Demnächst erscheint „Wilhelm von Humboldt: Bildungspolitik und Universitätsreform“.

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