Heiner Barz – Montessori & Co.

Eine kurze Geschichte der Reformpädagogik 

Pädagogische Reformer gab es zu allen Zeiten. Seit es Schulen und Aka­demien, also in irgendeiner Form institutionalisiertes Lernen mit Lehrern und Lernenden gibt, gibt es auch die Kritik daran. Kritik, die sich vielleicht in erster Linie »nur« gegen die Konkurrenz richtete – wie etwa bei Platon, der schon vor über 2000 Jahren den Sophisten vorwarf, sich auf überzeugende Rhetorik statt auf die Inhalte und den Wahrheits­anspruch zu konzentrieren. Ein anderes Mal wurde Methodeninno­vation gefordert – wie schon im ersten multimedialen Unterrichtswerk der Geschichte, im berühmten Orbis sensualium pictus (»Die sichtbare Welt«, eine Art bebildertes Sachkundebuch) des Johann Amos Comenius aus dem Jahr 1658. Nie zuvor jedoch hatte eine derart breite und bunte Be­wegung die Pädagogen aller Länder ergriffen wie in der Zeit, die als Epoche der Reformpädagogik Eingang in die pädagogische Geschichtsschreibung gefunden hat. In programmatischen Streitschriften – 1900 erschien etwa Ellen Keys Das Jahrhundert des Kindes – und auf zahllosen Kongressen verschaffte sich eine mehr oder weniger stark explizierte, umfassende Kultur- und Bildungskritik Gehör.

Trotz aller Vielfalt und Buntheit der unterschiedlichen Richtungen und Protagonisten lassen sich einige wesentliche Gemeinsamkeiten der pädagogischen Aufbruchsstimmung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts identifizieren. Zentral ist die emphatische Betonung des Eigenrechts des Kindes, die in einer Pädagogik vom Kinde aus verwirklicht wer­den soll. Das schöpferische Gestalten liefert ein zentrales Paradigma, Kunst in den verschiedenen Sparten (zum Beispiel immer wieder Tanz, Theater, Kunsthandwerk) wird als Erziehungsmittel wichtig. Erziehen selbst soll als künstlerischer Akt verstanden werden. Nicht einzelne Fer­tigkeiten und Facetten des Menschen, der ganze Mensch soll Gegenstand der ganzheitlichen Menschenbildung werden. Insbesondere sollen Bildung und Erziehung aus ihrer Verengung auf die intellektuelle Di­men­sion befreit werden und den Menschen als körperliches, emotiona­les und soziales Wesen ansprechen. Schülerinnen und Schülern soll aktive Selbsttätigkeit ermöglicht werden.
Die natürliche Lernfreude übernimmt die steuernde Funktion – anstelle von rigiden Vorgaben der Inhalte, Me­thoden und Organisationsformen, die oft nur mit Zwang durchgesetzt werden können. Ein harmonisches, partnerschaftliches Konzept der Schule als Lebensraum soll durch bewusst gestaltete Räume, manchmal in besonderer Architektur, unterstützt werden. Auch Feste und Feiern haben einen hohen Stellenwert. Den alten pädagogischen Konzepten wird ein neues, oft geradezu religiös verklärtes neues Konzept entgegengestellt, das letztlich den Neuen Menschen hervorbringen beziehungsweise ermöglichen soll. (…)

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Heiner Barz, geb. 1957, ist Professor für Erziehungswissenschaften und Leiter der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Universität Düsseldorf. Demnächst erscheint „Handbuch Bildungsreform und Reformpädagogik“.