Harro von Senger – Der Tiger vom Berg

Die 36 Strategeme sind aus dem chinesischen Weisheitsverständnis nicht wegzudenken, die Lehren von Strategem 13 „Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen“ oder Nummer 15 „Den Tiger vom Berg in die Ebene locken“ sind fester Bestandteil der chinesischen Alltagspraxis. Harro von Senger hat dieses Wissen nicht nur originär in den Westen gebracht, sondern verfolgt auch den öffentlichen Diskurs über die Strategeme über die Jahrzehnte hinweg. Für seinen Beitrag in Kursbuch 199 beleuchtet er die Entwicklung schlaglichtartig und vergleicht die Weisheitsverständnisse der Kulturkreise. 

Harro von Senger, geb. 1944, ist Professor emeritus an der Universität Freiburg im Breisgau und Experte für chinesisches Recht des Schweizerischen Instituts für Rechtsvergleichung in Lausanne. Er ist Autor zahlreicher Bücher und brachte mit seinem Werk das Wissen um die 36 Strategeme in den Westen.

Textauszug

Worterklärungen

Das Wort »Strategem« lässt unwillkürlich an das Wort »Strategie« denken und mag die Vermutung nähren, dass beide Wörter austauschbar seien. Beide Wörter sind aber auseinanderzuhalten. Unter »Strategie« sollte man in Anlehnung an den Wortgebrauch im Werk Vom Kriege von Carl von Clausewitz eine langfristige, grundsätzliche Planung verstehen, wobei auch auf das Wort »Taktik« hinzuweisen ist, das sich auf eine kurzfristige Planung, bisweilen im Dienste einer Strategie, bezieht. Strategem dagegen bedeutet »Kriegslist«, »Kunstgriff«, »geschickt erdachte Maßnahme« Aus chinesischer Sicht können Strategeme, ob im Krieg, in der Politik, in der Wirtschaft oder im Alltag, sowohl strategisch als auch taktisch eingesetzt werden. Das ins Gesichtsfeld rückende Wort »List« hat einen etwas anrüchigen Klang – jedenfalls im Deutschen. Chinesische Wörter, die dem deutschen »List« entsprechen, haben eine neutrale, wenn nicht gar positive Konnotation. Deshalb ziehe ich es vor, von »Strategemen« zu sprechen, zumal mein Thema die List in China umkreist.

Ich benutze »Strategem« als neutral klingendes, keinerlei Negativfärbung aufweisendes Alternativwort für »List«. Was aber ist eine »List«? Eine Antwort liefert ein Zitat aus dem Duden:

»List, die: […] Mittel, mit dessen Hilfe man (andere täuschend) etwas zu erreichen sucht, was man auf normalem Wege nicht erreichen könnte: eine teuflische List […].«

Das erste vom Duden präsentierte Beispiel einer Verwendung des Wortes »List«, nämlich »eine teuflische List«, bestätigt meine Aussage, wonach »List« vielfach in einen negativen Kontext gestellt wird. Den Blick richten möchte ich aber auf die vom Duden vermittelte Erklärung der Bedeutung des Wortes »List«. Vereinfacht gesagt ist »List« laut Duden eine schlaue, unorthodoxe, außergewöhnliche Problemlösungsmaßnahme, über die man verblüfft ausruft: »Auf so etwas wäre ich nie gekommen!« Was die Ergänzung in Klammern angeht, erkundigte ich mich bei der Dudenredaktion nach deren Bewandtnis und erhielt die Antwort, dass dadurch zum Ausdruck gebracht werden solle, dass die Täuschung kein Wesensmerkmal jeglicher List sei und dass es auch täuschungsfreie List gebe.