Harald Welzer – Nicht wählen?

Ein Plädoyer
»Links«-Wählen als Wertentscheidung

Mit 13 wurde ich Mitglied der »sozialistischen Schülergruppe« unseres Gymnasiums. Nicht dass ich gewusst hätte, was »sozialistisch« bedeutete, aber da vor allem die coolen Mädchen und Jungs in dieser Gruppe waren, wäre es peinlich gewesen, danach zu fragen, was es mit dem »Sozialismus« auf sich habe. Eigentlich war mir das auch egal. Wir waren gegen »konservativen« Religionsunterricht, »Nazilehrer« und alles, was »repressiv« war, aber ob das nun irgendwie »politisch« war oder nur unterhaltsam, vermochte ich nicht zu unterscheiden. Die meisten anderen in der Gruppe wahrscheinlich auch nicht. Dies zu meiner frühen politischen Sozialisation, die jenseits der lokalen Kultur unserer Schule im größeren Zusammenhang der »Ära Brandt« stattfand. Davon kam bei mir so viel an, dass ich Dinge wie Chancengleichheit, Öffnung des Bildungssystems, Gerechtigkeit super fand und insofern keinerlei Anschlussprobleme an die Wahlentscheidungen meiner Eltern hatte. Die wählten SPD, schon immer, und hatten als klares Feindbild die CDU, weshalb für mich aus Gründen einer dreifaltigen Entschlussbildung nicht infrage gekommen wäre, anders als sozialdemokratisch zu wählen: aus diffuser Zugehörigkeit, aus eher oberflächlicher inhaltlicher Überzeugung und, nun ja, aus Tradition heraus. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 174)

Harald Welzer, geb. 1958, ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Direktor der Stiftung FuturZwei in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“.

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