Hans Hütt – Das Hohlsprech-Prinzip

14 Anleitungen für erfolgreichen Talkshow-Bullshit

Wenn Bullshit, frei nach Harry Frankfurt[1], als Hohlsprech zu begreifen ist, käme es darauf an, den Körper rund um das Hohle herum genauer ins Auge zu fassen, dem das Hohle als Resonanzraum dient. Das Genre, auf das ich mich beziehe, beschäftigt mich nicht erst seit Oktober 2015.[2]

Das erste Mal führt mich zurück zum langen Osterwochenende 2001. Für die Agentur, für die ich damals arbeitete, musste ich ein Dossier erstellen, das der Vorbereitung eines Kunden auf seine Teilnahme an einer Talkshow diente. Das Basis-Dossier umfasste fast 1000 Seiten. Daraus leitete ich eine Kurzfassung ab, in der ich auf jeweils einer halben Seite ein Kurzprofil der anderen vorgesehenen Gäste erstellte und ihre wesentlichen Positionen zum Thema zusammenfasste. Außerdem formulierte ich denkbare Gegenargumente. Tatsächlich blieben zehn Tage später alle Gäste bei den von mir vorhergesagten Positionen. Die Diskussion insgesamt verlief, vom Lärm einiger Claqueure abgesehen, die ein Gast als Groupies mitgebracht hatte, überraschungsfrei. Im Rückblick, 16 Jahre später, wirkt diese Talkshow auf mich wie eine vom Herzog von Saint-Simon in seinen Tagebüchern überlieferte Episode aus dem Palast des Sonnenkönigs.[3] Jeder einzelne Schritt im Ablauf folgte einem quasi höfischen Zeremoniell, ein Kabinettsmitglied und ein Bundesbanker hatten als die beiden Machtpole des Abends das Spiel unter Kontrolle. Der eine wurde langatmig beim Thema Ordnungspolitik, der andere verlor sich bei jedem Wortbeitrag in Details, für die sich niemand interessierte.

Tatsächlich lieferten sie Bullshit auf höchstem Niveau. Wie überhaupt der Bullshit in den politischen Talkshows überkonstruiert ist. Nicht das, was die Gäste sagen, ist interessant, sondern das, was sie nicht sagen, wie auch das, was sie nicht gefragt werden. Nichts ist spontan. Kaum etwas wird so gefürchtet wie das Aufkommen und schon gar die Äußerung eines unvorhergesehenen Gedankens oder womöglich ein Gast, der aus der ihm zugedachten Rolle fiele.[4]

Als am 2. November 2016 Winfried Kretschmann Sologast bei Sandra Maischberger war und in seiner etwas langatmigen Art zu einem Kurzvortrag über das Denken Hannah Arendts anzusetzen drohte, blutgrätschte Frau Maischberger ihm mit einer Frage nach dem Veggieday dazwischen. Auf Arendt war sie nicht vorbereitet. Die Freiheit des Denkens findet keinen Platz in einem Format, das Haltung durch Unterhaltung ersetzt. Ausnahmen wie Heiner Geißler, Gerhart Baum, Gesine Schwan und Daniel Cohn-Bendit bestätigen die Regel. Denken ist etwas für Veteranen. Der laufende Betrieb verträgt es nicht, oder wenn, dann nur sehr fein dosiert, als Akt der Pietät, einem greisen Altkanzler und seinen Sottisen über den damaligen Außenminister zuzuhören. (…)

Hans Hütt, geb. 1953, ist Politikwissenschaftler. Er schreibt für FAZ, Freitag, taz sowie Zeit online.

[1]    https://de.wikipedia.org/wiki/On_Bullshit

[2]    Hans Hütt: »Politische Talkshows«, in: POP – Kultur und Kritik 9 (2016), S. 34–39; https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/pop/article/download/2057/1974

[3]    Louis de Rouvroy, duc de Saint-Simon: Aus den Denkwürdigkeiten des Herzogs von Saint-Simon; http://gutenberg.spiegel.de/buch/aus-den-denkwurdigkeiten-des-herzogs-von-saint-simon-7584/1

[4]    Ulf Erdmann-Ziegler: »Wie es bei Maybrit Illner im ZDF wirklich zugeht«, in: FAZ vom 05.01.2015; http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wie-es-bei-maybrit-illner-im-zdf-wirklich-zugeht-13352797.html

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Für den kostenlosen Newsletter des Kursbuchs können Sie sich hier eintragen:

 

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *