Gregor Maria Hoff – Kirche zu, Problem tot!

Theologische Reflexionen zum Missbrauchsproblem in der katholischen Kirche

Der 28. Januar 2010 stellt eine Zäsur in der Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland dar. Im kollektiven Entsetzen, das sich mit ihm verbindet, ist er zu einem »historischen Datum für die emotionale Geschichte der Bundesrepublik« avanciert. An diesem Donnerstag wurde der Brief bekannt, den der Jesuit Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisius-Kollegs an alle Schüler geschrieben hatte, die das Gymnasium in den 1970er- und 1980er-Jahren besucht hatten. Über Jahrzehnte hatten Jesuitenpatres, Lehrer und Erzieher Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht, gedeckt von einem System, in dem sich verschweigen ließ, was Schule, Orden und Kirche beschädigen musste. Nach diesem Brief war nichts mehr wie vorher. 

Wirklich? Die Erschütterung, die von den Berliner Missbrauchsfällen ausging, hat jedenfalls die öffentliche Wahrnehmung sensibilisiert und die kirchliche Wachsamkeit geschärft. Eine Reihe von Maßnahmen wurde ergriffen, darunter die Beauftragung einer Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche durch die Deutsche Bischofskonferenz (DBK). Die 2011 begonnene Zusammenarbeit mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer wurde 2013 sistiert, es folgten Auseinandersetzungen zum Umgang der katholischen Kirche mit dem einschlägigen Aktenbestand. Zwischen den Fronten konträrer Darstellungen der Faktenlage verstärkte sich in der Öffentlichkeit der Eindruck, die katholische Kirche wolle das Verfahren letztlich in der Hand behalten, um zu vertuschen. Radikale Aufklärung durch die beschuldigte Institution – muss das nicht schiefgehen, schon weil es strukturell überfordert? (…)

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Gregor Maria Hoff, geb. 1964, ist Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Paris Lodron Universität Salzburg. Zuletzt erschien „Religionsgespenster. Versuch über den religiösen Schock“.