Gregor Dotzauer – Brief eines Lesers (13)

Der Titel, zufällig entdeckt, begegnete mir just in dem Moment, als Mazedonien Flüchtlingen auf der Balkanroute eine dreitägige Transiterlaubnis gewährt hatte. »The Disappearance of the Stranger«, das klang nach einem Roman oder einem Film, aber es war ein Seminar in interkultureller Kommunikation unter dem Generalthema »Dealing with The Other«, Teil eins. Wenige Tage später beschrieb mir der mazedonische Dichter Nikola Madzirov, Nachfahr einer Familie, die infolge der Balkankriege zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Griechenland fliehen musste, in nüchternen Worten, dass es im ganzen Land keine Fahrräder mehr zu kaufen gebe.
Sie seien alle in den von früh bis spät vorüberziehenden Flüchtlingstrecks im Einsatz. Man könne sie höchstens zu Wucherpreisen an der Grenze zu Griechenland erstehen oder darauf hoffen, ihnen an der Grenze zu Serbien wiederzubegegnen, von der aus findige Händler sie zum neuerlichen Verkauf an die griechisch-mazedonische Grenze zurücktransportieren.

Das Bild von der Fahrradkolonne beschäftigte ihn ohne jedes poetische Interesse. Es befremdete ihn als Mensch, der kaum vor die Haustüre treten kann, ohne auf der Straße und am Horizont das endlose Band der Fahrradfahrer in der Frühsommerhitze zu sehen. So, wie er es mir ausmalte, gewann es eine geradezu surreale Qualität. Seither verfolgt mich dieses Bild. In ihm konzentriert sich für mich die Wirklichkeit eines historischen Moments, dessen handfeste Folgen ich in der eigenen Stadt zwar sehr wohl bemerke, der mir jedoch nach wie vor in Nikola Madzirovs Beobachtung am fasslichsten erscheint. (…)

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Gregor Dotzauer, geb. 1962, ist Literaturredakteur des Berliner Tagesspiegel.

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