Gertrud Lehnert – Der kleine Unterschied

Weibliche Modelust und männlicher Modefrust

Mode ist Frauensache! – Ist Mode Frauensache?
In den Geschäften, egal ob Fast-Fashion-Ketten, Mittelklasse-Waren­häu­ser oder Luxusläden, gibt es größere Damenabteilungen als Männer­abteilungen und mehr Damenkollektionen als Männerkollektionen. Auf den Fashion Weeks und Haute-Couture-Schauen nehmen die Kollektionen für Frauen mehr Raum ein, und sie sind in der Regel experimenteller und fantasievoller als die Männermoden: In der Frauenmode finden heute die Innovationen und Experimente statt. In Renaissance und Barock war das noch anders, da war die Männermode aufregender. Und noch heute übernehmen Frauen nicht ungern männlich de­finierte Kleidungselemente, während der umgekehrte Fall äußerst selten ist. Der Rock hat sich als Männerbekleidung immer noch nicht durchgesetzt, Hosen für Frauen dagegen sind schon seit mehr als einem Jahr­hundert eingeführt und werden längst nicht mehr als spezifisch männ­lich wahrgenommen. Seit sich die aus dem Sport stammende Funktionsbekleidung für den Alltag durchgesetzt hat, gibt es zwischen den vestimentären Erscheinungsbildern der Geschlechter, zumindest derjenigen, die sie bevorzugt tragen, kaum mehr Unterschiede. Jedoch: Zur Boyfriend-Jacke für Frauen gibt es noch kein männliches Gegenstück: Girlfriend-Jackett für Männer? Die Bezeichnung würde wirklich auffallen, und nicht unbedingt positiv. Aber warum eigentlich?

Schaut man sich an, wer die Mode macht, wer also die sogenannte kreative Arbeit leistet, fallen neben (mittlerweile) vielen weiblichen die überproportional vielen männlichen Modeschöpfer (wie man früher pa­thetisch sagte) ins Auge. In der konkreten Herstellung hingegen, also in der Produktion der Konfektionskleidung und der Fast Fashion, sind, vor allem in den Niedriglohnländern, mehr Frauen zu menschenunwür­digen Löhnen und Arbeitsbedingungen beschäftigt als Männer. Dieser Umstand ist aber nie gemeint, wenn von Mode als Frauensache gesprochen wird. Mode gilt als Frauensache, wenn es um den Konsum und die Beschäftigung mit Mode geht, darum also, welche Rolle die Mode im Leben von Frauen spielt. Seit wann ist das so? Und warum ist das so? Hat es mit der Mode selbst zu tun, oder gibt es dafür ganz andere Gründe, die auf die Mode projiziert werden?

Unter »Mode« verstehe ich im Weiteren Bekleidung, die als Mode produziert, beworben, besprochen, gekauft und getragen wird; Bekleidung also, die versehen wird mit Versprechungen: schöner, origineller, erotischer oder strenger, man selbst oder eine ganz andere sein zu können. Nur nützlich muss sie nicht sein – nützlich ist Kleidung.

Mode bietet endlose Möglichkeiten des Self Fashioning, ohne jedoch die Originalität, die sie verspricht, wirklich zu ermöglichen – denn zu Mode wird nur, was viele übernehmen. So greifen modische Menschen zu Bricolage, das heißt, sie mischen möglichst eigenwillig unterschiedliche Stücke und Stile. Aber auch das ist bekanntlich längst kommer­zialisiert worden und wird von allen Modemagazinen und Blogs pro­pagiert und beispielhaft vorgeführt. Nichtsdestoweniger: Kleider und Accessoires werden zu »Mode« dann, wenn größere Gruppen von Men­schen sie tragen und mit ihren ästhetischen Möglichkeiten spielen.

Hervorgebracht wird Mode von einer Modeindustrie, die einerseits auf Kreativität, andererseits auf ständigen Wechsel setzt und andauernd das Neue verspricht – aber neue Produkte bedeuten nicht zwangsläufig neue Linien, Schnitte, Stile. Mode bringt den Rhythmus und das Tempo der Moderne hervor. Und sie schafft soziale Unterschiede – nicht nur innerhalb der westlichen kapitalistischen Welt, wie Pierre Bourdieu in Die feinen Unterschiede analysiert. Sie schafft auch Un­terschiede zwischen den postindustriellen Staaten einerseits, in denen vor­nehmlich konsumiert wird, und den vielfach asiatischen Niedriglohnländern andererseits, in denen die billigen und die teuren Pro­dukte unter ausbeuterischen Bedingungen zum größten Teil produziert werden. Und natürlich schafft sie Unterschiede zwischen den Geschlechtern – zwischen allen Geschlechtern. Im Folgenden steht jedoch der modisch dominante Unterschied zwischen, pauschal gesagt, Frauen und Männern im Zentrum.

Die Erfindung der weiblichen Modelust

Ein kurzer Blick ins Jahr 1697: König Ludwig XIV. wünscht, dass der Hof anlässlich der Hochzeit seines Enkels Louis mit der zwölfjährigen Marie-Adélaïde de Savoie »allen Glanz entfalte; und er selbst, der schon seit langem nur ganz schlichte Kleider zu tragen pflegte, wollte an diesem Tage die prächtigsten Gewänder anlegen«.

Das ist nicht weiter erstaunlich, und auch nicht, dass der gesamte Hof in einen regelrechten Konsumtaumel verfällt: »Einer versuchte den anderen an Prunk und Geschmack zu übertreffen; die Menge an Gold und Silber reichte kaum aus, die Läden der Kaufleute waren binnen weniger Tage ausgeräumt; mit einem Wort, am Hof und in der Stadt herrschte der hemmungsloseste Luxus, denn eine Menge Zuschauer sollten dem Fest beiwohnen.« Schon bereut der König seine Anordnung: »Er könne nicht begreifen, meinte er, daß es Ehemänner gebe, die so wahnsinnig seien, sich für den Kleiderstaat ihrer Frauen – und für den ihrigen, hätte er hinzufügen können – ruinieren zu lassen.«

Verblüffend – offenbar auch für den Höfling Saint-Simon – ist die Auffassung des Königs, dass (nur) die Frauen mode- und prunkbesessen seien und auf diese Weise ihre Ehemänner finanziell ruinierten. Nicht nur ist das eine im Grunde zutiefst bürgerliche Einstellung, sie ist darüber hinaus schlicht absurd. Denn natürlich waren die Herren am Hofe im gleichen Ausmaß wie die Damen zu ungeheurem vesti­men­tärem Luxus im Interesse der Repräsentation verpflichtet, worauf Saint-Simon mit seinem Einschub auch hinweist. Und im Übrigen ist es keineswegs so, dass auch nur eine der Damen arm in die Ehe gegangen wäre: In der Regel hatten alle eine ansehnliche Mitgift erhalten – die freilich sofort in den Besitz des Ehemanns überging.

Was mich an dieser Szene interessiert, ist der Automatismus der Zuschreibung schon im 17. Jahrhundert: Frauen werden als diejenigen mar­kiert und letztlich auch diffamiert, die Mode konsumieren – im Übermaß konsumieren. Für Männer gilt das offensichtlich nicht, im Ge­genteil: Sie erscheinen als die Opfer der weiblichen Mode- oder Prunksucht. Wie kann das sein in einer Zeit, in der Mode noch weitgehend Sache beider Geschlechter in der Aristokratie war?

Es fällt auf, dass es in der Geschichte immer wieder die Frauen sind, denen Modeschelte gilt. So wie Frauen an der Lektüre von Romanen gehindert werden sollten, weil diese angeblich ihre Moral negativ beeinflussten, so wurde auch ihr Vergnügen an schöner Kleidung – am Sich-Schmücken – als oberflächlich, verschwendungssüchtig, gefall­süch­­tig, geschmacklos gegeißelt. Im Laufe des 18. Jahrhunderts schließ­lich wurde – im Zusammenhang mit der Ausprägung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Erfindung dichotomischer »Geschlechtscha­raktere«  – Mode tatsächlich zunehmend zu einer Angelegenheit von Frauen. Diese Entwicklung vollendete sich im 19. Jahrhundert, als komplementär dazu die Männermode verschwand, um der dezenten Männerkleidung das Feld zu überlassen. (…)

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Getrud Lehnert, geb. 1956, ist Professorin für Allgemeine und Ver­glei­chende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Zuletzt erschien „Ist Mode queer? Neue Perspektiven der Modeforschung“ (zusammen mit Maria Weilandt).

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