Gert Heidenreich – Der Beste

Eine Erzählung.

Als Georg Darda eines Morgens aus einem unruhigen Traum erwachte, erhob er sich leicht wie lange nicht, stellte fest, dass die morgendlichen Gliederschmerzen ausblieben, lief ins Badzimmer und fand sich vor dem bodenlangen Spiegel zu einer schönen, fremden Gestalt verwandelt. Nach einigen Wendungen und Drehungen sah er sich ins Gesicht und flüsterte voller Bewunderung: »Perfekt!« Er hatte seine engerlingbleiche, abgerundete Figur erwartet, der man die äußerliche und innerliche Nachgiebigkeit ansah, und fand stattdessen einen Mann mit ländlich gebräuntem Teint vor, dem er zugetraut hätte, einen Sklavenaufstand zu führen. Heldische Proportionen, virile Muskelwölbungen, kein überschüssiges Unterhautfettgewebe, straffe Haltung, unübersehbar ein gewisser Stolz in den Schultern: All dies war er von seinem Ebenbild nicht gewohnt, schon gar nicht nach dem Aufstehen.

Auch sein Gesicht ließ die gewohnte nächtliche Erschlaffung und Müdigkeit nach dem kurzen Schlaf in der Augusthitze vermissen: Die Augen blickten wach, hatten anstelle ihres grünlichen Graus ein leuchtendes Blau angenommen und wurden nicht mehr von den Oberlidern überfallen. Sein dunkelbraunes Haar, sonst von Nachtschweiß verklebt, stand in mutiger Frisur über der Stirn. Eigentlich hätte Georg erschrecken müssen, denn zweifellos war etwas mit ihm geschehen, das vollkommen unbegreiflich, wenn auch angenehm war. Doch alles, was er empfand, war Verwunderung. (…)

Gert Heidenreich, geb. 1944, ist Schriftsteller und Sprecher; zuletzt verfasste er mit Edgar Reitz das Drehbuch für dessen Film „Die andere Heimat“ (im Kino 2013) und publizierte den Kriminalroman „Mein ist der Tod“.

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