Gerhard Waldherr – Deutschkunde

Prolog   »Willkommen in Deutschland! Das gilt den Flüchtlingen, die vor Krieg und Gewalt fliehen und nach Deutschland kommen, in ein offenherziges, aber für die meisten Neuankömmlinge auch fremdes Land mitten in der Europäischen Union. Doch wie leben die Deutschen? Welche Regeln gelten hier? An welchen Werten richten sie sich aus? Was ist ihnen wichtig? Welche Geschichte haben sie? Diese Fragen stellen sich auch viele Deutsche …«

Im Reichstag, gleich hinter Plenarsaal und Besuchertribüne. Ein paar Glastüren weiter, dann rechts, Vortragssaal A2. Die Landseniorinnen und -senioren aus der Prignitz warten schon. Eingeladen hat sie die Abgeordnete Kirsten Tackmann, Fraktion Die Linke. Die Prignitz gehört zu ihrem Wahlkreis in Brandenburg. Die Besuchergruppe blickt auf eine knallorange Wand und einen Tisch, daneben Kartons mit Stofftragetaschen, bedruckt mit einem weißen Bundesadler. Draußen vor dem Fenster zerfließt die Silhouette eines Baumes im Nebel.

Es ist der 20. Dezember 2016, elf Uhr vormittags. Am Abend zuvor war ein Lkw durch einen Teil des Weihnachtsmarkts am Berliner Breitscheidplatz gerast. Während Tackmann den Raum betritt, wird von zwölf Toten und 48 Verletzten gesprochen. Die Fotos, die im Internet und auf den Titelseiten der Tageszeitungen verbreitet werden, sind von bedrückender Symbolik. Neben dem Bombenstummel der Gedächtniskirche ein Bild der Verwüstung. Der Zweite Weltkrieg trifft auf den Terror des 21. Jahrhunderts. Paris, Brüssel, Nizza. Und nun Berlin. Zwischendurch hieß es, der Täter sei Afghane oder Pakistaner und als Flüchtling über Passau eingereist. Wie die Meldung entstanden ist, bleibt unklar.

Man kann sich an so einem Tag, an diesem Ort viele Botschaften zur Begrüßung vorstellen. Kirsten Tackmann wählt eine überraschende Variante. Sie spricht nicht von Zivilisationsfinsternis, einer entweihten Weihnacht oder Merkels Toten. Sie spricht nicht von islamischer Bedrohung, Flüchtlingsproblematik, Asylmissbrauch, wie es andere Politiker zu dieser Stunde bereits getan haben. Sie spricht auch nicht von erhöhter Polizeipräsenz, verschärften Grenzkontrollen oder gar Vergeltung. Keine Phrasen, keine Appelle, kein »Sei stark Berlin«. Kein Sprechzettel der Betroffenheit und auch nicht der Anklage.

»Das ist ein besonderer Tag«, sagt Tackmann mit ruhiger Stimme, »an dem wir zunächst der Opfer und ihrer Angehörigen gedenken sollten.« Es sei auch ein Tag, an dem man mit anderen Gedanken durch die Straßen gehe oder U-Bahn fahre. Ihrer Tochter, die in Berlin wohne, ginge es so. Und natürlich habe sie auch an ihren Sohn gedacht, der in Zürich promoviere, wo tags zuvor in einer Moschee drei Menschen angeschossen wurden. Tackmann erwähnt auch das Attentat auf den russischen Botschafter in Ankara. Aber: »Die Welt ist durch die gestrigen Ereignisse nicht anders geworden, sie war schon vorher gespalten, kaputt und gewalttätig, diese Ereignisse haben das nur deutlicher gemacht.« Die Lösung? »Die Welt in Gut und Böse einzuteilen, ist jedenfalls keine.«

Was für ein Jahr. Es war nicht vorherzusehen im Herbst 2015, als Angela Merkel ihren berühmten Satz spricht und ein ganzes Land erfasst wird von Mitgefühl und Solidarität. Deutschland setzt sich ein humanitäres Denkmal. Septembermärchen. Wir schaffen das. Doch dann kommt die Silvesternacht von Köln. Stundenlang werden rund um Dom und Hauptbahnhof Hunderte von Frauen bedroht, begrapscht, sexuell belästigt, verletzt, bestohlen. Vereinzelt kommt es zu Vergewaltigungen. 1054 Strafanzeigen, 1108 Opfer und Geschädigte. Als Täter verdächtigt werden überwiegend Marokkaner, Algerier, Iraker, Syrer, darunter auch Asylsuchende. Auch in anderen Städten kommt es zu ähnlichen Übergriffen.

Es ist eine offenbar konzertierte Aktion der Schande. Sie wird zum Wendepunkt der Flüchtlingsdebatte. Die Willkommenskultur mündet in eine Verurteilungs- und Abschiebungsdebatte, auch weil die Kölner Polizei, einzelne Politiker und Medien, etwa das ZDF, den Vorfall zunächst bagatellisieren. Es folgen schlimme Schlagzeilen. Die sächsischen Orte Freiberg, Freital, Clausnitz oder Bautzen werden zum Synonym für Anschläge auf Flüchtlinge. Aufmärsche von Pegida und Parolen der AfD bestimmen zunehmend die Nachrichten. Aufgeregte Diskussionen beginnen. (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

Gerhard Waldherr, geb. 1960, ist Publizist und Weltreporter. Er arbeitete bereits für führende Tageszeitungen und Magazine, unter anderem für Süddeutsche Zeitung, stern und brand eins.

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