Gerhard Roth – Nicht jedes Kind ist hochbegabt!

Zentrale Erkenntnisse der Hirnforschung zu Intelligenz und Begabung 

Unsere Gesellschaft geht seit Langem sehr unsicher mit dem Phänomen »Hochbegabung« um. Soll man hochbegabte junge Menschen überhaupt fördern, und wenn ja, wie? Finden nicht gerade sie ihren Weg allein? Gleichzeitig heißt es in populärwissenschaftlichen Büchern, jedes Kind sei hochbegabt, und nur unser schlechtes Bildungssystem bringe die Unterschiede in schulischen und beruflichen Leistungen hervor. Es stellt sich also die Frage, was Hochbegabung eigentlich ist, wie sie entsteht und ob beziehungsweise wie man sie ab welchem Alter am bes­ten fördert.

1 Was verstehen wir unter Begabung und Intelligenz?

Der Begriff »Begabung« wird im Alltag wie auch in der Wissenschaft in höchst unterschiedlicher Weise verwandt. Zum einen meint man damit eine latente Fähigkeit oder Anlage zu bestimmten überdurchschnittlichen Leistungen unterschiedlicher Art, die sich entwickeln beziehungs­weise die entwickelt werden können, aber nicht müssen. Oft wird hier auch der Begriff »Talent« benutzt – man spricht dann meist im Zusammenhang mit Kindern oder Jugendlichen von einem »sehr talentierten« Menschen und lässt offen, ob und in welcher Weise sich diese Begabun­gen und Talente verwirklichen. Insofern lässt sich das Vorhandensein einer Begabung zumindest im frühen Kindesalter verlässlich nur ex post feststellen.

Zum anderen wird Begabung als eine tatsächlich vorhandene überdurchschnittliche Fähigkeit oder Leistung betrachtet und oft synonym mit »überdurchschnittlich intelligent« verwendet. Dies ist insbesondere der Fall, wenn man von Hochbegabung spricht. Bei künstlerischen Hochbegabungen ist dies in der Regel nicht zwangsläufig der Fall, obwohl nach Meinung von Experten eine hohe künstlerische Begabung mit einer ho­hen Intelligenz statistisch gut korreliert.

Begabungen, ob nun latent oder faktisch vorhanden, können sehr un­terschiedlich sein und kognitive, emotionale, künstlerische, technisch-praktische, administrative, wissenschaftliche, motorische oder sportliche Fähigkeiten oder Fertigkeiten betreffen. Ähnlich heterogen sieht es bei dem Begriff der »Intelligenz« aus: Während er sich innerhalb der Psychologie auf kognitive Fähigkeiten bezieht, wie man sie in den gängigen Intelligenztests misst, sprechen manche Forscher und viele Laien oft von einer »praktischen«, »emotionalen«, »künstlerischen«, »sozialen« In­telligenz aufgrund der Meinung, es gebe nebeneinander sehr verschiedene Formen von Intelligenz. Es ist aber höchst umstritten, ob es sin­nvoll ist, für derartige ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten den Begriff »Intelligenz« zu verwenden, da außer für kognitive Funktionen keine verlässlichen Messverfahren zur Verfügung stehen und es höchst zweifelhaft ist, ob ihnen allen irgendein gemeinsames Merkmal zukommt. (…)

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Gerhard Roth, geb. 1942, ist Professor für Verhaltensphysiologie und Entwick­lungsneurobiologie an der Universität Bremen und Direktor des Roth-Instituts Bremen. Zuletzt erschien „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern“ (aktualisierte 12. Auflage).

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