Georg Seeßlen – Die Sprache der Verblödung

7 kleine Versuche über semantische Krisen und ihre politischen Folgen

Irgendwie ist uns der sichere Ort abhandengekommen. Jener Ort, von dem aus wir erhobenen Hauptes mit dem Finger deuten konnten: Dort stehen sie! Die Verblender und Verblöder! Die Traumfabrikanten, Unterhaltungsindustriellen, Kulturwarenhändler, die Agenten der medialen Profiteure, die Katastrophenvermarkter und Seifenopernlieferanten, die Lügner, Manipulateure, Propagandisten, Zyniker, Idioten, Marktschreier, Krawallfeuilletonisten, Narzissten, Werbefuzzis, Politclowns, Talkshower und Testimonials. Bewerft sie mit Adorno und Enzensberger! Haut ihnen Kursbuch und konkret um die Ohren! Nehmt sie auseinander und setzt sie, zur Kenntlichkeit verzerrt, wieder zusammen! Analysiert sie, entlarvt sie, enttarnt sie, dekonstruiert sie meinetwegen. Aber tut was!

Nee, das will nicht mehr so recht funktionieren. In der Welt als Echoraum zeigt man da auf Gespenster. Natürlich sind da echte und wahrhaftige Arschlöcher am Werk, und die kann und muss man auch benennen. Aber viel nutzen tut das nicht. Es erscheinen stattdessen hauptsächlich die Schatten armer Würstchen, die so ökonomisch erpressbar sind wie du und ich. In der Welt als Echoraum schallt es nur zurück: selber verblödet und verblendet. Und wir können noch viel mehr. Wenn du glaubst, unsere Blödheit vorstellbar zu machen, bekommst du unvorstellbare Blödheit als Antwort. Wenn du glaubst, du könntest die vollkommen Verblödeten von den noch nicht ganz Verblödeten unterscheiden, dann sieh nur neben dich, wo eine alte Freundin, ein alter Freund an den Folgen von Verblödung darniedersinkt. Und du selbst? Ha! Gibt es denn auf dieser Welt einen blöderen Gedanken als den, von der allgemeinen Verblödung verschont zu bleiben?

Die Blödheit ist in der Maske des roten Todes unter uns.

Es bedarf also einer gewissen Unverschämtheit in der Selbstermächtigung, dennoch über die Blödheit im Allgemeinen und über die Sprache der Verblödung im Besonderen zu sprechen. Im augenblicklichen Blödheitskonsens ist nämlich alles, was sich der Verblödung widersetzt, automatisch »elitär«. Und während die Verblöder im Gespensternebel von »System«, »Struktur« und »Markt« verschwinden, dürfen die Verblödeten auf keinen Fall Verblödete genannt werden, denn das wäre arrogant, intolerant und unliberal. Und außerdem gefährdet es Arbeitsplätze. Warum das denn? Weil alles, was die Wirtschaft zügelt, Arbeitsplätze gefährdet. Schon sind wir mitten drin in der Sprache der Verblödung. (…)

Georg Seeßlen, geb. 1948, ist freier Autor und Kurator. Zuletzt erschien Freiheit und Kontrolle. Die Geschichte des nicht zu Ende befreiten Sklaven (zusammen mit Markus Metz).

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