Georg Seeßlen – Dahoam is Dahoamnis

Georg Seeßlen entwirft in seinem Beitrag in Kursbuch 198 sieben Skizzen, in denen er der Fabrikation, also der künstlichen Produktion des Heimatkonzepts in Bayern nachspürt. Ob Politik, Volksmusik, Dirndl und Lederhose oder Volksfeste: Immer stellt Seeßlen ein karnevalisiertes Moment in der vermeintlichen Tradition fest und entlarvt Bayern in seiner sich selbst verstärkenden Gemachtheit. 

Georg Seeßlen, geb. 1948, ist freier Autor, Feuilletonist und Filmkritiker. Zuletzt erschien Freiheitstraum und Kontrollmaschine. Der (vielleicht) kommende Aufstand des nicht zu Ende befreiten Sklaven (zusammen mit Markus Metz).


Textauszug

(Servus beinand.) Gewiss. Alles das, was die großen »Identitäten« schafft, das Volk, die Religion, die Geschichte, die Kultur, die Sitten und Gebräuche, die Traditionen und »Mentalitäten«, das ist zum größten Teil fiktional, in politischem und ökonomischem Interesse fabriziert, Teil symbolischer Ordnungen und Machtverhältnisse. Es hat so viele Wurzeln im Mythos wie in der Geschichte, ist zugleich Körper und Maschine, Original und Abbild, Propaganda und Überlebenskunst. Das Geflecht der fabrizierten  Identitäten wird schließlich durch zwei Supermythen zusammengehalten, eine dunkle Yin-Yang-Situation: Nation (männlichheroischmaschinell) und Heimat (weiblichidyllischorganisch). Es ist allerdings zentriert um ein Tabu: Das Künstliche, das Fabrizierte, das
Willkürliche, das Interesse und die Macht – das alles darf nicht ge- und benannt werden. Es soll gewachsen sein, was in Wahrheit fabriziert wurde. So steht den Aussagen »Keine Demokratie ohne Nation« und: »Keine Gesellschaft ohne Heimat« eine Antithese entgegen: »Die Nation ist niemals demokratisch« und: »Die Heimat ist nie sozial.« Es ist eben kompliziert. Unglücklicherweise können über die Mythen der Identitäten nur Menschen nachdenken, die auf sie nicht mehr angewiesen sind. Nicht unbedingt die »Eliten«, die ohnehin in einer eigenen Welt leben, sondern am ehesten ein progressiver Teil der oberen Mittelschicht, der nur zu bewusst ist, wie wenig territoriales und historisches Herkommen wiegt im Verhältnis zur, nun ja, Klassenlage. Wer Nation und Heimat (von »Rasse«, Ethnie, Kultur oder Hautfarbe ganz zu schweigen) nicht mehr als bedeutende Indikatoren von Identität ansieht, hat entweder etwas verloren oder er oder sie haben sich von etwas befreit. Es kommt auf die Perspektive an. Oder auch auf die Biografie. Denn wird unterwegs etwas anderes verloren, die Gewissheit der Klassenzugehörigkeit etwa, die berufliche Perspektive, das verlässliche soziale Geflecht, dann kehrt, mal nostalgisch, mal neurotisch, mal auch durchaus »faschistisch«, die alte Mythologie zurück, um die Leerstellen zu besetzen. Richtig nachdenken über Heimat kann also nur, wer sie einerseits nicht mehr lebensnotwendig braucht, andererseits aber ein Bewusstsein von Verlust oder Überwindung entwickelt hat. Wie aber kann so jemand beurteilen, ja nur beobachten, was Nation oder Heimat für jemanden bedeutet, der sie dringend braucht? Die Ambiguität des Gegenstands überträgt sich auf die Beobachtung. Das darf man nicht vergessen. […]