Georg M. Oswald – In schwierigstem Gelände

Eine Erzählung. Eins.

Vor einiger Zeit hatte Christian Hofstätter, fünfzig Jahre alt, Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte, einen Bericht im Radio gehört, an den er sich in gewissen Abständen erinnerte, obwohl oder gerade weil er ihn für kompletten Unfug hielt. Amerikanische Wissenschaftler – natürlich, wer sonst – hatten herausgefunden, dass es genetische Ursachen habe, ob jemand politisch zu eher linken oder eher rechten Ansichten tendiere. Nie, wenn ihm die These wieder ins Gedächtnis kam, vergaß er verächtlich zu grinsen. Er verstand den neurobiologischen Ansatz, wonach das, was wir Willensfreiheit nennen, nichts weiter ist als eine Abfolge chemischer Prozesse, die nicht wir, sondern die angeblich uns steuern. Doch hier, schien es ihm, war diese Behauptung über den Umweg der Genetik in die Analyse politischer Strukturen gerutscht, was das Ergebnis nicht gerade als zwingend richtig erscheinen ließ.

Außerdem, mutmaßte Christian im Stillen, bezog sich die Untersuchung wohl nicht auf Rechte und Linke im europäischen oder gar deutschen, sondern im amerikanischen Sinn, also auf Republikaner und Demokraten, und das war, so Christian weiter zu sich selbst, ohnehin mehr oder weniger dasselbe. Doch nachdem er all dies gedacht hatte, blieb regelmäßig eine Frage zurück, die ihn beunruhigte, und die lautete: Was, wenn es stimmte? Was, wenn es wirklich so etwas wie eine genetische Disposition politischer Ansichten gab? Nun, um das Mindeste zu sagen, das würde einiges erklären. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 173)

Georg M. Oswald, geb. 1963, ist Rechtsanwalt und Schriftsteller in München. Zuletzt erschien sein Roman „Unter Feinden“.

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