Georg M. Oswald – Alles Kommunikation, oder was?

Ein kurzes Plädoyer für intellektuelle Selbstbehauptung

Wer hat’s erfunden?

Bullshit.Sprech – als mich die Herausgeber dieses Heftes einluden, etwas beizutragen, weil ein Jurist bei diesem Thema doch nicht fehlen dürfe, sagte ich begeistert zu. Der Begriff leuchtete mir sofort ein. Spontan schwebte mir eine kleine Sprachkritik der aktuellen Juristensprache vor, doch das war, wie sich bald herausstellte, viel zu kurz gegriffen.

Als ich damit anfing, bemerkte ich, dass ich damit genau die Ressentiments bedienen würde, denen ich eigentlich entgegentreten will. Ich bin zwar der Meinung, dass Recht und Gesetz mitunter auch Hohn und Spott verdienen, genauso wie diejenigen, die es anwenden. Allerdings gehöre ich doch auch zu denen, die tatsächlich glauben, dass wir in einem geradezu modellhaft funktionierenden Rechtsstaat leben. Allein schon das Unbehagen, das mir dieses Bekenntnis bereitet, verwundert mich. Natürlich will ich nicht als unkritischer Systembefürworter abgestempelt werden, als jemand, der in seinem Studium so erfolgreich der Gehirnwäsche unterzogen wurde, dass er noch heute, 30 Jahre später, ungefragt ein Gelöbnis auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung schmettert, wann immer man es von ihm verlangt. Auch in Deutschland wird das Recht gebeugt, es werden Fehlurteile gesprochen, es werden Unschuldige eingesperrt und misshandelt, es gibt Polizeiwillkür, es gibt Korruption in Politik und Verwaltung. Doch dass viele, vielleicht sogar die meisten dieser Fälle aufgedeckt, zur Anklage gebracht und ihrerseits abgeurteilt werden, ist für mich ein Indiz für das Funktionieren eines Rechtssystems, nicht für sein Versagen. Realistischerweise ist ein Rechtsstaat nicht einer, in dem keine Ungerechtigkeit geschieht. Es ist einer, in dem eine gute Chance besteht, dass sie geahndet wird. Wenn man sich umsieht in der Welt, stellt man schnell fest, dass es nicht so viele Länder gibt, in denen die Justiz so funktioniert wie in Deutschland. Eine Eloge auf den Rechtsstaat also von Herrn Oswald, dem Juristen? Ist das ein angewandter Fall von Bullshit-Sprech?

Ich brauche jemanden, mit dem ich darüber sprechen kann. Ich telefoniere mit meinem Sohn. Ich versuche zu skizzieren, welche Art von Artikel ich schreiben möchte. Ich erkläre ihm, dass es mir nicht richtig erschiene, Witze über meinen Berufsstand zu machen. Tatsächlich glaube ich, dass gute Juristen mit guten Absichten auch Gutes in der Welt bewirken können. (…)

Georg M. Oswald, geb. 1963, lebt und arbeitet als Jurist und Schriftsteller in München. Zuletzt erschien der Roman „Alle, die du liebst.“

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Für den kostenlosen Newsletter des Kursbuchs können Sie sich hier eintragen:

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *