Fritz Breithaupt, Martin Kolmar – Fakten oder Faketen?

Eine Geschichte postfaktischer Autoritäten

Die Rede vom »Postfaktischen« vertuscht, dass das Faktische immer schon die Ausnahme war. Wir entscheiden anders. Wir waren in einem bestimmten Sinne immer Anhänger einer gefühlten Wahrheit, die sich eher weniger als mehr mit dem deckt, was die Wissenschaft oder andere Autoritäten als Konsens anerkennen. Einfacher gesagt: Wissen und Fakten waren meist Ausreden zur Deckung unserer Ideologien und Affekte. Die meisten Menschen haben keine ausgefeilten Theorien über die Wirklichkeit, sondern Vorstellungen, die sich diffus aus dem Zeitgeist speisen. Und dies ist kein Problem mangelnder Bildung. Auch und vielleicht sogar gerade »Gebildete« haben ihre postfaktischen Welten, ihnen fällt es nur leichter, diese narrativ clever zu erzeugen.

Unwahrscheinlich war eigentlich die Diktatur des richtigeren Arguments. Die Autorität der Experten musste eine Rechtfertigung finden, die eine Ausnahme zum demokratischen Prinzip der Gleichrangigkeit aller Lebensentwürfe und Vorstellungen legitimiert. Damit Wissenschaft funktioniert, muss es einen außerpersonalen Standard geben, der die Bewertung aller Aussagen erlaubt. Insofern sind Wissenschaft und Expertentum das letzte Refugium legitimer, allerdings nicht personaler, sondern struktureller Diktatur. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 189)

Fritz Breithaupt, geb. 1967, ist Professor für Germanic Studies und Kognitionswissenschaften an der Indiana University (Bloomington). Zuletzt erschien Die dunklen Seiten der Empathie.

Martin Kolmar, geb. 1967, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Mikroökonomik, an der Universität St. Gallen (Schweiz). Zuletzt erschien Grundlagen der Wirtschaftspolitik (zusammen mit Friedrich Breyer).

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