Fritz Breithaupt, Martin Kolmar – Fakten oder Faketen?

Eine Geschichte postfaktischer Autoritäten  Die Rede vom »Postfaktischen« vertuscht, dass das Faktische immer schon die Ausnahme war. Wir entscheiden anders. Wir waren in einem bestimmten Sinne immer Anhänger einer gefühlten Wahrheit, die sich eher weniger als mehr mit dem deckt, was die Wissenschaft oder andere Autoritäten als Konsens anerkennen. Einfacher gesagt: Wissen und Fakten waren meist Ausreden zur Deckung unserer Ideologien und Affekte. Die meisten Menschen haben keine ausgefeilten Theorien über die Wirklichkeit, sondern Vorstellungen, die sich diffus aus dem Zeitgeist speisen. Und dies ist kein Problem mangelnder Bildung. Auch und vielleicht sogar gerade »Gebildete« haben ihre postfaktischen Welten, ihnen fällt es nur leichter, diese narrativ clever zu erzeugen.

Unwahrscheinlich war eigentlich die Diktatur des richtigeren Arguments. Die Autorität der Experten musste eine Rechtfertigung finden, die eine Ausnahme zum demokratischen Prinzip der Gleichrangigkeit aller Lebensentwürfe und Vorstellungen legitimiert. Damit Wissenschaft funktioniert, muss es einen außerpersonalen Standard geben, der die Bewertung aller Aussagen erlaubt. Insofern sind Wissenschaft und Expertentum das letzte Refugium legitimer, allerdings nicht personaler, sondern struktureller Diktatur.

Besonders unwahrscheinlich war nun, dass diese »Diktatur des richtigeren Arguments« für einige Jahrhunderte als das Fundament der westlichen Welt fungierte. Wie konnte es dazu kommen, und wieso ist diese Epoche nun, vielleicht, zu einem Ende gekommen?

Um dies zu verstehen, muss man sich an die Grenzen dessen erinnern, was sich wissenschaftlich verstehen lässt. Diese liegen nur scheinbar, das heißt nur aus der Perspektive des Wissenschaftlers, in dem Noch-Unbekannten. Sie liegen vielmehr in der Begründung der Wissenssuche. Der Experte kann zwar sagen, »wie« etwas gemacht wird, aber nicht, »warum« es gemacht wird. Wissenschaft bringt als Nebenprodukt die Teflonpfanne hervor, aber nicht, weil dies ihr Ziel war, sondern sie bestenfalls »von außen« unter ein Nützlichkeitspostulat gestellt wurde. Die Frage der Werte und des Nutzens von Wissen liegt nach dieser Vorstellung jenseits der Sphäre des Experten. Wenn wir in ihm nicht einen Experten des »wissen, wie« sondern des »wissen, warum« suchen, verwechseln wir ihn mit dem Religionsführer der vorsäkularen Zeit. Er (und es waren ja in der Regel Männer) war der Experte für den Sinn. Mit der Ablösung des religiösen durch den wissenschaftlichen Experten entstand daher eine Leere im Zentrum, die Leere des Warum. Richtet sich die Erwartung einer Beantwortung solcher Fragen an den Experten, so muss er zum Scharlatan werden.

Warum wird diese Autorität zunehmend nicht mehr als legitim anerkannt? Man könnte argumentieren, dass dies Ausdruck jahrelanger ideologischer Demontagebemühungen bestimmter Gruppen, Thinktanks und Medien ist, die Experten- und Intellektuellenbashing zu ihrer vornehmsten Aufgabe gemacht zu haben scheinen. Aber es braucht nicht nur jemanden, der drückt, der Erfolg beim Umsturz ist auch eine Funktion des Widerstands »von innen«. Und der ist gering, weil im Wahrheitsbegriff der Wissenschaft das selbstzersetzende Element schon enthalten ist. Die Autorität des Expertentums basiert auf einer Vorstellung des Warum, die aus sich selbst heraus nicht beantwortbar ist; das Paradigma ist paradoxal. Die Postmoderne entlässt ihre Kinder.

Wenn die Wissenschaft nur »Wie«-Fragen, nicht aber »Warum«-Fragen beantworten kann, untersteht sie letztlich einem Nützlichkeitspostulat. Es ist eine höchstens instrumentelle Vernunft, die hier waltet, und damit ist die Legitimität nicht absolut, sondern ebenfalls nur instrumentell. Diese rein instrumentelle Vernunft richtet sich aber reflexiv gegen die Wissenschaft selbst: Sie kann kein Argument entwickeln, welches ihre Autorität rechtfertigt. So stehen die Expertin und der Experte hilflos vor dem Demagogen wie das Kaninchen vor der Schlange. (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

Fritz Breithaupt, geb. 1967, ist Professor für Germanic Studies und Kognitionswissenschaften an der Indiana University (Bloomington). Zuletzt erschien Die dunklen Seiten der Empathie.

Martin Kolmar, geb. 1967, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Mikroökonomik, an der Universität St. Gallen (Schweiz). Zuletzt erschien Grundlagen der Wirtschaftspolitik (zusammen mit Friedrich Breyer).

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