Friedrich Wilhelm Graf – Klerikaljargon

Über den Sprachverlust der Kirchen

»Ich glaube an Gott den Schöpfer Himmels und der Erden«, bekennen Christen aller Konfessionen weltweit im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Auch Juden, Muslime, Hindus und Gläubige vieler anderer Religionsgemeinschaften bekunden in heiligen Texten und Riten ihr Vertrauen auf einen Schöpfergott. Kaum eine religiöse Symbolsprache der Menschheit, in der nicht Bilder vom Ursprung, Metaphern des ersten Anfangs oder kosmopoietische Mythen eine wichtige, die jeweilige Weltdeutung und Lebenssicht strukturierende Rolle spielten. Schöpfungssprachen prägen zudem neuzeitliche ästhetische Diskurse, etwa in der Vorstellung vom ganz neu schaffenden Künstler als einem secundus deus, zweiten Schöpfergott, und die Begriffsbildung diverser moderner Wissenschaften, von Joseph Schumpeters »kreativer Zerstörung« in den Wirtschaftswissenschaften bis hin zur »Verfassungsschöpfung« in der Staatsrechtslehre. Doch trotz der großen Vielfalt von Verwendungsweisen ist »Schöpfung« in erster Linie ein zentrales Symbol religiöser Sprache und ein Grundbegriff theologischer Reflexion.

Religiöse Vorstellungswelten

Wie alle anderen zentralen religiösen Vorstellungen und Begriffe ist die Schöpfungsvorstellung in der Moderne permanent umstritten und wird gerade von gelehrten Theologen und Philosophen seit der Mitte des 18. Jahrhunderts höchst kontrovers diskutiert.

Zu diesem bis heute andauernden Grundlagenstreit um Gehalt und Auslegung der Rede von »Gottes Schöpfung« oder »Gottes guter Schöpfung« trägt bei, dass »Schöpfung« als zentrale religiöse Vorstellung zugleich auch ein Grundbegriff moderner politisch-sozialer Sprache ist. »We hold these truths to be self-evident that all men are created equal, that they are endowed by their creator with certain unalienable Rights, that among these are life, liberty and the pursuit of happiness«, heißt es in der »Declaration of Independence« der USA. Hier wird Schöpfungssprache dazu benutzt, um aus der Gleichheit der Geschaffenen vor Gott Gleichheit vor dem Gesetz und eine demokratisch gleiche Freiheit aller Bürger zu begründen. Schöpfungsvorstellungen konnten seit dem 17. Jahrhundert aber auch ganz andere, gegenläufige politische Ideen begründen helfen, feudal-ständische Ideale einer gottgewollten Prärogative von Monarch und Adel vor dem gemeinen Volk, die patriarchalische Überordnung des Mannes und damit verbundene Beschränkung der Selbstbestimmungsrechte der Frau, rassistische Überlegenheit der »Weißen« über die »Schwarzen« und »Gelben« oder die Sakralisierung geschichtlich kontingenter Institutionen zu von Gott selbst so gewollten, darin mit unbedingter Autorität und Verbindlichkeit ausgestatteten »Schöpfungsordnungen«. Die seit den 1980er-Jahren im deutschsprachigen politischen Diskurs inflationäre Rede von der »Bewahrung der Schöpfung« lässt erkennen, dass man auch in der Gegenwart mit »Schöpfung« noch viel Politik machen kann. (…)

Friedrich Wilhelm Graf, geb. 1948, ist protestantischer Theologe und Professor em. für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Der Protestantismus. Geschichte und Gegenwart.

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