Franz Stadler 
- Ich und Ihr

Geschichte eines Rückzuges, dem wahren Leben nacherzählt

»Das ist das Ende! Fertig! Denen ist eh egal, was mit mir passiert. Keiner wird mir nachweinen. Schad ist es nicht um den, werden sie denken. Dieser Verbrecher! Für mich gibt es jetzt nichts mehr zu tun. Fernsehen? Auf der Couch rumliegen? Im Wald Holz hacken? Mich mit dem Vater anöden? Oder der dummen Resi? Im Gefängnis sitzen? Nein, nein – da ist es schon besser so. Aus und vorbei.« Nun war es nicht mehr weit. Von der kleinen Anhöhe aus, die er gerade erklimmen wollte, konnte man einen beschaulichen und freundlichen Blick ins Tal werfen. Sofern man wollte und in Stimmung dazu war. Sein Heimatort lag dort im milden Herbstlicht. Es waren nur ein Haufen ärmlicher Häuser – aber es war seine Welt. Hier hatte er einen Großteil seines bisherigen Lebens verbracht. Hier war er aufgewachsen, zur Schule gegangen. Hier war er zum »irren Bomber« geworden, wie ihn die Presse nannte. Hier würde er sterben.

Niemand war in seinem Dorf zu sehen. Nach der Großaktion am Vormittag im wenige Kilometer entfernten Gemeindesitz waren die Straßen und Wege wie leer gefegt. Die meisten waren wieder zur Arbeit gegangen oder machten ihre Wochenendeinkäufe. Wäre er ihre Namen einzeln durchgegangen – er hätte von den meisten sagen können, wo sie sich wahrscheinlich gerade aufhielten. Hier kannte jeder jeden. Er glaubte es zumindest.
H. war mit seinen zweiundzwanzig Jahren das Musterexemplar eines einfachen Dorfbewohners. Kräftig, ein wenig hager, aber sonst gut gebaut, eins fünfundachtzig groß, schwarze Haare, dunkle, tiefe Augen. Eigentlich ein Kerl wie aus dem Bilderbuch für bajuwarische Ureinwohner – stark und unerschütterlich. Sollte man meinen. Warum hatte der junge Bursche nur noch wenige Minuten zu leben?  (…)

(weiterlesen im Kursbuch 187)

Franz Stadler, geb. 1962, ist promovierter Apotheker und Schriftsteller in einer bayerischen Kreisstadt. Der Text stammt aus seinem bisher unveröffentlichten Roman »Die Ansteckung.«

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