Ferdinand Haenel: Flüchtiges Glück

Wohin flüchten, wenn im eigenen Land Krieg herrscht? Das Haus zerbombt, die Familie getötet oder man selbst von Folterknechten gequält wurde, mitunter monatelang, jahrelang. Ist Deutschland da ein guter Zufluchtsort? Lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Herrn F. Als er zu uns in die Tagesklinik im Berliner Behandlungszentrum für Folteropfer gebracht wurde, konnte er sich an seine Vorgeschichte nicht erinnern. Nur seinen Namen wusste er und sein Herkunftsland. Sonst nichts. Er hatte sein Gedächtnis verloren. So schien es.

Er lächelte stereotyp, wirkte abwesend mit in die Ferne gerichtetem Blick. Er war ohne Affekt, antriebslos, verlangsamt. Wie ein kleiner Junge ließ er sich von seinen Begleitern an der Hand führen, nahm folgsam den angebotenen Platz im Behandlungszimmer ein, gab sehr zeitverzögert und verlangsamt Antworten mit knappem »Ja« oder »Nein«. Auf die Frage des Psychiaters nach »Stimmenhören« reagierte er nachdenklich konzentriert, als suche er seine Erinnerungen ab, und schüttelte schließlich den Kopf. Noch eh er im Laufe der Behandlung seine Erinnerungen wiederfand, zeigte er im Garten der Tagesklinik große Aktivitäten und Fertigkeiten im Umgang mit den Gartengeräte. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 183)

Ferdinand Haenel, geb. 1953, ist Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Leiter der Tagesklinik des Behandlungszentrums für Folteropfer Berlin. Zuletzt erschien »Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren«.

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