Jürgen Ebach: Ethik aus Erinnerung

Oft zu einer Worthülse politischer Rhetorik wird die Bekundung, Deutschland sei ein christlich-jüdisch geprägtes Land. Die ebenso übliche wie auch fragwürdige Bindestrichfloskel »christlich-jüdisch« wird spätestens dann fatal, wenn sie eingesetzt wird, um den Islam von dieser Grundprägung abzusetzen. Etwas ganz anderes wäre es, in konkreten Feldern politischer Praxis christliche und jüdische Normen ernst zu nehmen und beim Namen zu nennen. Was hieße es, im sozialen und politischen Verhalten gegenüber Flüchtlingen und Fremden biblische Erinnerungen Praxis werden zu lassen?

Was hieße es, biblische Normen und Erzählungen als zentrale Elemente politischer Kultur wahrzunehmen und ihre Inhalte nicht auf gottesdienstliche Predigten oder »Worte zum Sonntag« zu beschränken? Die folgenden Beobachtungen und Reflexionen sind ein Plädoyer für eine politische Kultur, in der biblische Erinnerungen ebenso ihren Ort haben wie die politischen und sozialen Perspektiven der klassischen Antike oder die der Aufklärung und des demokratischen Sozialismus. »Du sollst die Fremden nicht bedrücken!«

Dieses Gebot wird in den biblischen Rechtstexten so oft und so nachdrücklich eingeschärft wie kaum ein anderes. Bei diesen Fremden (hebräisch ger, im Plural gerim) handelt es sich um Menschen, die aus einem anderen Stamm oder aus einem anderen Land gekommen und oft von dort geflohen sind und die in das soziale Gefüge ihrer neuen Orte in Israel integriert werden. Ebenso zentral wie diese Rechtsnorm ist ihre regelmäßig wiederkehrende und nur leicht variierende Begründung. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 183)

Jürgen Ebach, geb. 1945, war von 1996 bis 2010 Professor für Exegese und Theologie des Alten Testaments und biblische Hermeneutik an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum.

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