Ernst Pöppel – Der autistische Spiegel

Warum linke und rechte Gehirnhälfte zusammengehören.

Eine der großartigsten Entdeckungen der Menschheit war der Spiegel, die man offenbar einer Figur aus der Mythologie zuschreiben muss. Ovid berichtet in seinen Metamorphosen, dass Narziss, als er auf eine glatte Wasseroberfläche blickte, einen Menschen sah. Er war fasziniert von der Schönheit eines jungen Mannes, den er sah, bis er nach einiger Zeit der hingebungsvollen Betrachtung entdeckte, dass er selber es war, den er in der spiegelnden Oberfläche sah: »Iste ego sum« – »Ich bin es ja selbst.« Was muss dies für ein überwältigender Augenblick gewesen sein, zu begreifen, sich plötzlich selber zu sehen, ein Bild von sich zu haben. In diesem Augenblick konnte Narziss sich seiner selbst versichern; er hatte in der spiegelnden Verdopplung sich selbst vor Augen. Jeder Forscher träumt davon, einmal eine solche fundamentale Entdeckung zu machen, die einem im Augenblick des Verstehens den Atem verschlägt.

Wie anders ist dieses Erkennen seiner selbst, das sich für Narziss im Staunen in einer erlebten Gegenwart vollzog, als die im Denken konstruierte Selbstversicherung, wenn René Descartes mit seinem methodischen Zweifel sein »Cogito ergo sum« ausspricht. Doch mit diesen beiden Drei-Wort-Aussagen von Ovid und Descartes (iste ego sum – cogito ergo sum) sind die Grundmotive einer wissenschaftlichen Betrachtung des Bewusstseins benannt: Es geht im einen Fall um eine rationale Analyse, die Ausdruck einer Sehnsucht ist, die Kausalität des Erlebens zu erkennen, im anderen Fall um den empathischen Bezug zu anderen, auch zu einem selbst, und diesen begreifbar zu machen. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 173)

Ernst Pöppel, geb. 1940, ist Professor für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Gastprofessor der Peking University. Zuletzt erschien, zusammen mit Beatrice Wagner, Dummheit. Warum wir heute die einfachsten Dinge nicht mehr wissen.

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