Julian Müller: Émile und die Rousseauisten

Wie also über Jugend schreiben? Wie über einen Gegenstand schreiben, der sich offenbar so schwer fassen lässt, der einem sofort zu entgleiten droht, sobald man über ihn nachzudenken beginnt? Nach allem greifen wir, aber wir fassen nur Wind. Ja, es ist sogar noch schlimmer: über den man überhaupt erst dann nachzudenken beginnt, sobald er schon längst verschwunden ist. Solange die Jugend da ist, denkt man über alles Mögliche nach, nur nicht darüber, was sie ausmacht und was sie eigentlich ist.

Einen Text so anzufangen, heißt allerdings auch, bereits mit einem Fuß in die Falle getappt zu sein, die sich einem unweigerlich stellt, sobald man sich dem Thema »Jugend« nähert. Man kommt kaum umhin, im Modus der Sehnsucht und des Verlusts über sie zu schreiben und »Jugend« somit als das Ungreifbare, das Unfassbare, das Schon‐Verlorene und Nichtrevidierbare zu stilisieren. Wie rasch ist unser Dasein auf dieser Erde dahin! Das erste Viertel ist abgelaufen, ehe wir es noch zu nutzen verstanden. Das letzte läuft dahin, und wir sind nicht mehr fähig, es zu genießen. Zu Beginn wissen wir nicht, was leben heißt – bald darauf können wir es nicht mehr. (…)

Julian Müller, geb. 1980, ist Soziologe und arbeitet am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien »(Un)Bestimmtheit. Praktische Problemkonstellationen« (zusammen mit Victoria von Groddeck).

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