Elke Buhr – Brief einer Leserin (23)

Die Kursbuch-Rubrik »Brief eines Lesers« wird von den Autoren und Autorinnen sehr unterschiedlich interpretiert. Manche schreiben etwas zum Thema des Bandes, in dem der Brief erscheint. Manche reflektieren über ihr Verhältnis zum Kursbuch als Institution und Begleiter vieler intellektueller Biografien. Selten nur fungiert der Brief so, wie ich ihn hier verstehen möchte: als klassischer Leserbrief. 

#realitycheck_medien war der Titel der vergangenen Ausgabe, mit hochmodernem Hashtag im Anschlag machte sich das Kursbuch 195 an eine Analyse der massenmedialen Realität der Gegenwart. Gutes Thema, schließlich verändert die Digitalisierung nicht nur den Journalismus, sondern die gesamte Öffentlichkeit und mit ihr die Demokratie. Ein kurzer Blick auf die Autorenliste ließ allerdings stutzen: 14 Männer sind da verzeichnet und zwei Frauen. Sind Gegenwart und Zukunft der Medien nach Meinung der Kursbuch-Herausgeber also zu 87,5 Prozent Männersache? 

Nach einem kurzen Blick auf vergangene Ausgaben stellt sich heraus: Am Thema kann’s nicht liegen. Bei der Vorausgabe anders alternativ waren elf Autoren und nur zwei Autorinnen vertreten. Zu Bullshit.Sprech äußerten sich 14 Männer und eine Frau, zu Stadt. Ansichten. zwölf Männer und drei Frauen. Thema Lauter Lügen, Thema Kalter Frieden, Thema Welt verändern: Kein einziges Mal waren mehr als zwei Frauen dabei. Nur eine Ausnahme gab es, die Nummer 192. Dort schrieben zwölf Frauen und ein Mann. Können Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Thema der Ausgabe raten? Genau: Frauen. 

Das Kursbuch bleibt damit auf fast unheimliche Weise seinen Anfängen treu. Auch in den Gründungsjahren von 1965 bis 1970 war das Kursbuch ein Männerladen, es schrieben null bis zwei Frauen in jeder Ausgabe. Nur im Kursbuch 17 Frau – Familie – Gesellschaft waren sie plötzlich in größerer Zahl zugelassen. 

Dass Enzensbergers Medienbaukasten damals vor allem von Männern bespielt wurde, überrascht nicht – bei linken Intellektuellen waren die Frauen damals genauso für Kinderaufzucht und Vorzimmer zuständig wie bei den rechten. Aus der Geschichte der bundesrepublikanischen Linken haben wir gelernt, dass ein progressives Selbstverständnis offenbar auch kluge Männer nicht davon abhält, sich breitbeinig auf Podien und in Fernsehdiskussionen zu setzen, in denen nur Männer miteinander sprechen, und zu Hause reaktionäre Rollenmodelle zu pflegen. 

Warum man glaubt, sich 60 Jahre später immer noch mit ein, zwei Quotenfrauen pro Sammelband begnügen zu können, ist mir allerdings ein Rätsel. Da ist ja sogar das durchschnittliche Feuilleton schon weiter – wenn auch nur ein kleines bisschen. 

Marie Schmidt berichtete kürzlich in der Süddeutschen Zeitung von einer Pilotstudie zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien und Literaturbetrieb, die herausgefunden hat, dass 61 Prozent aller belletristischen Bücher und 70 Prozent aller Sachbücher in deutschen Feuilletons von Männern rezensiert werden, 39 respektive 30 Prozent der Kritiken also von Frauen geschrieben wurden. Es gibt sie also, die Frauen, die Texte schreiben können. Sie sind da draußen. Und wenn man Frauen rezensieren lässt, bildet man offenbar auch automatisch besser ab, was Frauen schreiben. Insgesamt stammt nur jedes vierte Buch, über das Kritiker sich äußern, von einer Autorin. Kritikerinnen schreiben immerhin zu 44 Prozent über Bücher von Frauen.

Mich erinnert all das an eine Diskussion, die sich im deutschen Kunstbetrieb kürzlich an einer Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf entzündete. Die Kuratoren Alain Bieber und Florian Waldvogel hatten zu ihrer Schau Im Zweifel für den Zweifel: Die große Weltverschwörung zunächst neben zwölf Künstlern und drei Kollektiven nur eine Künstlerin eingeladen und nach entsprechender Kritik auf der Facebook-Seite der Institution hektisch eine zweite Künstlerin hinzubestellt. Zu dem Thema Verschwörungstheorien würden eben mehr Männer als Frauen arbeiten, so argumentierte der Direktor des NRW-Forums Bieber. Seltsam nur, dass das Geschlechterverhältnis auch bei anderen Ausstellungen in seinem Haus ähnlich war. Frauen interessieren sich offenbar für gar nichts in seinem Programm, weder für die Tour de France noch für das eigentlich doch recht universale Thema Pizza. 

»Wie kann es sein, dass im Jahr 2018 in einem von öffentlichen Geldern finanzierten Ausstellungshaus erneut eine Ausstellung mit einer derartigen Quote zustande kommt?«, fragte ein von der Künstlerin Candice Breitz und anderen initiierter offener Brief, der sich schnell in den sozialen Medien verbreitete. Allen Akteuren und Akteurinnen im Kulturbetrieb, so die Forderung des Briefes, solle unabhängig von Geschlecht und Herkunft dasselbe Recht auf Öffentlichkeit zugestanden werden. Über 1000 Menschen aus dem Kunstbetrieb unterschrieben, darunter auch einige einflussreiche (männliche!) Museumsdirektoren. 

Der Reality Check funktioniert sehr schnell in Zeiten von Facebook und Twitter. Es sind ja nicht nur die Frauen, die es leid sind, nicht aufzutauchen in den Medien, den Museen und den Orten der Macht, sondern auch alle anderen, die von der Norm des weißen, heterosexuellen Mannes abweichen. Dieser Reality Check geht manchmal in Gestalt eines Shitstorms nieder, was natürlich keine angenehme und auch keine angemessene Art der Auseinandersetzung ist. Aber gerade im Fall der Düsseldorfer Verschwörungsausstellung zeigte die Schwarmintelligenz auch, was sie zu bieten hat: Aus den Vorschlägen zur Ergänzung des Männerklubs, die sich binnen Stunden im Netz versammelten, hätte man drei sehr gut und divers besetzte Ausstellungen kuratieren können. 

Der Unterschied zu meiner kleinen Kursbuch-Gender-Statistik besteht natürlich unter anderem darin, dass der offene Brief der Kunstakteure sich mit dem Agieren einer öffentlichen Institution beschäftigt, von der die Steuerzahlerin verlangen kann, dass sie sich in ihr potenziell angemessen repräsentiert findet. Doch dass die Kultur reicher wird, wenn sich mehr unterschiedliche Menschen an ihrer Produktion beteiligen, ist eine Wahrheit, die über die von öffentlich einzufordernden Quoten hinausgeht. 

»Die Frage ist stets: Gibt es eine Perspektive, die interessant ist?«, sagt FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Interview im Kursbuch 195 über sein Feuilleton. Ganz richtig, das ist die Frage. Aber, lieber Herr Kaube und liebe Kursbuch-Herausgeber: Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist die interessanteste Perspektive nicht diejenige, die mit der eigenen identisch ist.
Und wer weiß: Vielleicht ist die Kursbuch-Ausgabe 196, in der dieser Brief erscheint, ja schon ganz anders aufgestellt. Es würde mich freuen. 

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Elke Buhr, geb. 1971, ist Chefredakteurin der monatlich erscheinenden Zeitschrift „Monopol – Magazin für Kunst und Leben“.